Mein Klavierweg

Klavier Phrasierung und Artikulation verbessern für ein lebendiges Spiel

Klavier Phrasierung und Artikulation verbessern für ein lebendiges Spiel

Zwischen dem dritten und vierten Ton bleibt meine rechte Hand einfach hängen – mitten im Bogen, mitten im Satz, als hätte ich vergessen, wie man einen Gedanken zu Ende bringt. Die Töne selbst treffe ich alle richtig. Trotzdem klingt es, als würde jemand eine Telefonliste vorlesen: ohne Punkt, ohne Komma, ohne die kleinste Betonung.

Als Lektorin verbringe ich meine Arbeitstage damit, Sätzen genau den Atem zu geben, den meine Finger am Klavier gerade nicht finden. Mein Klavier-Wiedereinstieg fühlt sich in solchen Wochen an wie eine Fremdsprache, die ich als Kind fließend gesprochen habe und jetzt Wort für Wort neu zusammensetzen muss, und mein Leipziger Klavier-Tagebuch bekommt dann die ehrlichsten Einträge. Die Klaviertechnik, die ich mir mit Mitte vierzig neu aneigne, hat mit den Fingerübungen meiner Kindheit erstaunlich wenig zu tun – es geht weniger ums Treffen der Tasten als ums Formen der Stille dazwischen.

Kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: In diesem Text stecken Affiliate-Links. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Ich schreibe hier nur über Ansätze, die ich für meinen eigenen Wiedereinstieg mit 46 wirklich selbst ausprobiere.

Musikalische Phrasierung: wenn jeder Ton gleich viel wiegt

In der Woche davor hatte ich mich an das kleine Chopin-Präludium in e-Moll, Op. 28 Nr. 4, gewagt – und war ziemlich ernüchtert. Jede Note bekam exakt dasselbe Gewicht, keine Spannung, kein Bogen, keine Frage und keine Antwort darin. Ich kannte die Definition von Artikulation noch aus dem Kindesalter, das Trennen und Verbinden von Tönen – nur wollten meine Finger sich partout nicht daran erinnern.

Vorher hatte ich es mir einfach machen wollen und mir eine Klavier-App aufs iPad geladen, die mir angeblich in kleinen Lektionen beibringen sollte, wie man Phrasen formt. Nach zwei Wochen lag das iPad nur noch unbenutzt auf meinem Nachttisch, die App ungeöffnet, und mir wurde klar: Artikulation lernt man nicht nebenbei zwischen zwei Kapiteln eines Manuskripts.

Nahaufnahme eines alten Klaviernotenhefts von 1994 mit Bindebögen und Artikulationszeichen für den Klavier-Wiedereinstieg

Meine Handgelenke, vom täglichen Tippen ohnehin nicht mehr die geschmeidigsten, wurden bei jedem Versuch sofort steif, und wer da ähnliche Startschwierigkeiten hat, findet in meinen Klavier Aufwärmübungen für steife Finger vielleicht ein paar erste Ideen.

Warum Kraft die Artikulation nicht rettet

Mit Mitte vierzig verstehe ich langsam, dass Artikulation weniger mit Druck zu tun hat als mit Loslassen – aber wie genau man das Handgelenk dafür trainiert, ist eine andere Geschichte, die ich für einen anderen Abend aufhebe.

Einmal habe ich eine halbe Stunde lang dieselbe Legato-Passage geübt und dabei permanent die Luft angehalten, vor lauter Konzentration – mit 46 ein Anfängerfehler, den ich für unmöglich gehalten hätte.

Detailansicht entspannter Hände beim Klavierspielen mit Fokus auf die Handgelenkshaltung als Teil der Klaviertechnik für Erwachsene

Ein Rahmen von der RS-Piano-Akademie statt loser Enden

An einem regnerischen Dienstag im Mai saß ich vor meinen Noten und wollte endlich verstehen, wo ein musikalischer Gedanke anfängt und wo er aufhört, wo also die Phrasierung eigentlich beginnt. Ich meldete mich bei der RS-Piano-Akademie an, weil mir die iPad-App gezeigt hatte, dass ich eine Struktur brauche und keine weitere lose App, die nach zwei Wochen im Regal verschwindet.

Dort wird erklärt, wie man das eigene Armgewicht verlagert, statt einfach nur lauter oder leiser zu drücken – ein Thema, das eigentlich einen ganzen eigenen Artikel verdient.

Kurz hatte ich auch mit dem KEYBOARD X 52-Wochen-Plan geliebäugelt, aber der ist stärker auf Keyboard-Spiel als auf klassisches Repertoire ausgelegt, und ich wollte zurück zu Chopin, nicht zu Popsongs. Die RS-Piano-Akademie passte einfach besser zu dem, was ich mit meinem alten Notenheft von 1994 vorhatte.

Kleines Detail am Rande: Beim Umblättern der Notenseite verheddert sich das Kopfhörerkabel der Video-Lektionen fast jedes Mal zwischen zwei Fingern – offenbar der Preis dafür, Ton und Bild gleichzeitig im Blick zu behalten.

Was am Chopin-Präludium endlich atmet

Vor einigen Wochen passierte dann etwas, das ich vorher für unmöglich gehalten hätte. Ich übte das e-Moll-Präludium erneut, aber diesmal dachte ich beim Spielen nicht mehr ans Tastendrücken, sondern an lange Atemzüge, so wie ich beim Lektorieren einen überladenen Satz entwirre und die Nebensätze leiser mache, damit der Hauptgedanke stehen bleibt.

Eine Freundin von mir backt seit der Pandemie ihr eigenes Sauerteigbrot und experimentiert unermüdlich mit immer neuen Mehlsorten, obwohl das zehnte Brot kaum anders schmeckt als das neunte – genau so kam mir das ewige Wiederholen derselben acht Takte vor, bis sich plötzlich etwas löste.

Klavier-Übeplatz mit digitalem Klavier und Laptop für Online-Klavierunterricht im Leipziger Klavier-Tagebuch

Barockmusik verlangt übrigens eine ganz andere Präzision als Chopins Romantik, und wer neugierig ist, findet meine Gedanken dazu in Barockmusik am Klavier und Präzision.

Meine Katze bleibt die ehrlichste Kritikerin in dieser Wohnung: Hämmere ich die Töne zu hart, springt sie beleidigt von der Bank, binde ich die Phrasen dagegen sauber, bleibt sie liegen. Wer selbst mit einem musikalischen Mitbewohner lebt, findet meine Tipps zum Klavier üben mit Katze vielleicht ganz nützlich.

Woche 12: wach ohne Vorsatz

Nach einem kurzen Spaziergang durch die Biedermannstraße in Connewitz, an einem Nachmittag, an dem mir die Übung einfach nicht gelingen wollte, wurde mein Kopf wieder frei. Ein paar Tage später, in Woche zwölf seit meinem Wiedereinstieg, wachte ich an einem Dienstagmorgen auf und wollte einfach ans Klavier – ganz ohne Vorsatz, ohne die übliche Überredung, ohne die Checkliste im Kopf, die ich mir sonst morgens mache.

Das war keine große Erleuchtung, eher eine kleine Verschiebung, die sich einfach eingeschlichen hatte: Offenbar hatten sich die Wochen mit der Phrasierung längst in den Fingern festgesetzt, ohne dass ich es bewusst mitbekommen hätte.

Einen Satz spielen wie man ihn liest

Ob sich das auf Dauer hält, weiß ich noch nicht – Pläne für die nächsten Wochen gibt es trotzdem: mehr langsames Üben, weniger Kontrolle, mehr Vertrauen in die Ohren statt in die Finger.

Falls du selbst nach mehr als einer App suchst, kann ich die RS-Piano-Akademie für den Übergang vom bloßen Tastendrücken zum wirklichen Musizieren nur empfehlen, ohne dass dabei die Gelenke leiden müssen.

Was vom Sonntagabend bleibt

Heute Abend klappe ich das Notenheft von 1994 wieder zu, und morgen liegt auf meinem Schreibtisch garantiert ein neuer Stapel Manuskripte. Die Phrasierung von heute schwingt trotzdem noch nach – ein gutes Gefühl, wenn die Finger langsam wieder lernen, wie man eine Geschichte erzählt, Satz für Satz, Ton für Ton.

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