Mein Klavierweg

Woche 1: Das Knistern von 1994 und die Steifheit der Finger – Mein Neuanfang am Klavier

Aktualisiert
Woche 1: Das Knistern von 1994 und die Steifheit der Finger – Mein Neuanfang am Klavier

Die linke Hand spielt den Lauf allein – zum ersten Mal muss ich nicht bei jedem einzelnen Finger nachdenken, wohin er als Nächstes will. Er weiß es einfach. Genau dieser Moment ist es, nach dem mich Leserinnen und Leser dieses Tagebuchs am häufigsten fragen, wenn es um meinen Klavier-Wiedereinstieg geht: ob es wirklich stimmt, dass die Finger sich noch erinnern. Es stimmt. Manchmal jedenfalls.

Bevor es weitergeht, kurz die Pflichtangabe: Dieses Tagebuch enthält an manchen Stellen Affiliate-Links zu Kursen, die ich für meinen eigenen Wiedereinstieg wirklich ausprobiere. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich für dich am Preis etwas ändert.

Was ich über meine Woche 1 am häufigsten gefragt werde

Seit inzwischen zwei Jahren beantworte ich in den Kommentaren und per Mail dieselben Fragen zu jener ersten Woche zurück am Klavier. Die häufigste zuerst.

Muss ich wirklich bei null anfangen?

Nein – das ist die kurze Antwort. Was sich in der ersten Woche wie kompletter Stillstand anfühlt, ist eher das Aufwecken eingeschlafener Bahnen als ein Start bei null, auch wenn sich die Finger anfangs wie fremdes Werkzeug anfühlen – ein Thema, dem ich an anderer Stelle mehr Platz gebe.

Die Steifheit in den Fingern ist real und zeitweise schmerzhaft

Ja, es zieht. Besonders in den ersten Tagen, wenn ungeübte Sehnen plötzlich wieder gefordert werden. Ich hatte es mir anfangs mit einem YouTube-Kanal für erwachsene Wiedereinsteiger leicht machen wollen – nach drei Videos habe ich abgebrochen, weil mir die Stimme des Lehrers dermaßen auf die Nerven ging, dass ich lieber gar nicht mehr geübt hätte, als weiterzuschauen.

Was mir mehr geholfen hat: mich wieder eingehender mit der Handhaltung am Klavier zu beschäftigen, um die Verkrampfung loszuwerden, die sich schon nach zehn Minuten Üben einstellte.

Klavier-Wiedereinstieg: Hände einer Frau auf Klaviertasten neben einem alten, abgenutzten Notenheft von 1994.

Mein Klavier steht seit dem Umzug an der Nordwand meines Wohnzimmers in Leipzig-Gohlis, eingeklemmt zwischen dem vollgestopften Bücherregal und dem Fensterrahmen – kein Ausblick, aber auch keine Ablenkung. Die Kopfhörer hängen inzwischen dauerhaft am Notenständer, griffbereit für die Abende, an denen ich niemanden mit meinen Fehlern behelligen will.

Wenn draußen die Nachbarwohnung schon still ist und selbst die S-Bahn seltener wird, höre ich nur noch das leise Klicken der Tasten – seltsam beruhigend, in einer Wohnung, die sonst nur nach Feierabend-Stille klingt. Auf dem Fensterbrett liegt außerdem noch der Stapel vergilbter Hefte aus den Neunzigern, den ich nie ganz weggeräumt habe.

Auf der Klavierbank liegt eine platt gesessene Wolldecke, die längst nicht mehr mir, sondern der Katze gehört – sie beansprucht ihren Platz dort inzwischen wie ein Mietvertrag mit Kündigungsschutz.

Meine alte Schulfreundin Irene, die dem Klang von Digitalpianos grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, meinte neulich sehr pragmatisch, dann solle ich eben genau damit üben, statt auf das perfekte Instrument zu warten. Sie hat recht, auch wenn ich ihr das nicht laut sagen werde.

Was, wenn beide Hände einfach nicht zusammen wollen?

Das war mein größter Frust in jener ersten Woche. Ich wollte die kleine Sonatine sofort mit beiden Händen zusammen spielen, so wie früher, ohne Umweg über getrenntes Üben. Es ging schief – nicht ein bisschen schief, sondern so gründlich, dass die rechte Hand ständig ins Tempo der linken zurückfiel und umgekehrt, bis aus der Melodie ein Brei wurde, den ich selbst nicht wiedererkannt hätte. Erst als ich beide Hände tagelang getrennt geübt habe, jede für sich, kam überhaupt wieder eine Ahnung von Zusammenspiel zustande. Wie man diese Unabhängigkeit der Hände gezielt aufbaut, ist ein eigenes großes Thema für sich.

Der Fingersatz, den ich einfach ignoriert habe

Ein Klassiker, das gebe ich zu. Ich fand die vorgeschriebenen Fingersätze in meinem alten Heft anfangs pedantisch und habe sie großzügig ignoriert – Hauptsache, irgendein Finger trifft die richtige Taste. Das Ergebnis: Bei schnelleren Passagen verhedderte ich mich regelmäßig an denselben Stellen, weil meine selbst ausgedachte Fingerreihenfolge keinen Weg zur nächsten Note offenließ. Am Ende musste ich doch zurück zum Heft und die kleinen Nummern über den Noten ernst nehmen, so mühsam das anfangs war.

Warum ich das Metronom irgendwann weggeschaltet habe

Nach ein paar Tagen nervte mich das gleichmäßige Ticken, und ich dachte, ich hätte inzwischen ein eigenes Gefühl für den Takt. Ich habe das Metronom also einfach ausgeschaltet. Was folgte, war ein schleichendes Beschleunigen in jeder schnelleren Passage, das mir erst auffiel, als ich mein eigenes Üben zufällig aufgenommen und wieder abgespielt habe. Seitdem läuft es wieder mit, auch wenn ich es am liebsten leiser stellen würde. Das Prinzip, bewusst langsamer zu üben als man eigentlich könnte, hilft übrigens genau gegen dieses Problem – aber das ist eine andere Geschichte.

Zu schnell geübt, Fehler fest eingeschliffen

Der vierte Ausrutscher hängt mit dem dritten zusammen. Weil ich unbedingt schnell wieder flüssig klingen wollte, habe ich eine Passage in der Clementi-Sonatine viel zu früh im Zieltempo geübt, statt sie erst langsam sauberzubekommen. Der falsche Ton, der sich dabei eingeschlichen hat, sitzt bis heute fester als jeder richtige – meine Finger spielen ihn manchmal noch automatisch, wenn ich nicht aufpasse. Es hat mich gelehrt, lieber drei Tage länger langsam zu üben, als drei Wochen lang einen Fehler wieder loszuwerden.

Was kommt nach der ersten Woche noch alles auf mich zu?

Tonleitern und ein vernünftiges Fingersatzsystem dafür kommen später, genau wie ein erster, vorsichtiger Blick in die Harmonielehre, um Akkorde nicht nur auswendig, sondern auch verstanden zu greifen. Blattspiel, also das flüssige Spielen unbekannter Noten vom Blatt weg, ist für mich aktuell noch Zukunftsmusik. Auch das Pedal lasse ich vorerst in Ruhe – sauberer Klang damit ist eine Übung für sich. Irgendwann werde ich mich auch mit Intervallen beschäftigen müssen, also mit dem Bestimmen der Abstände zwischen zwei Tönen, und mit dem Quintenzirkel, der mir als Orientierung in der Tonartenlandschaft dienen soll. Mentales Training ganz ohne Instrument – also das Durchspielen von Passagen nur im Kopf, zum Beispiel beim Spaziergang durch den Leipziger Palmengarten – hilft mir jetzt schon, auch wenn ich das Konzept noch nicht in voller Tiefe verstehe. Und die Frage, ob ich mit Etüden wie bei Hanon oder Czerny arbeiten sollte oder lieber gleich am Repertoire bleibe, ist noch nicht entschieden.

Auch Durststrecken, in denen sich tagelang nichts zu bewegen scheint, gehören sicher noch dazu – wie man solche Plateaus übersteht, ohne den Frust größer werden zu lassen als die Motivation, lerne ich vermutlich noch. Ein lockeres Handgelenk zu halten, statt beim Spielen unbewusst zu verkrampfen, steht ebenfalls auf der Liste, genauso wie ein Anschlag, der nicht nur die richtige Taste trifft, sondern auch den Ton formt, den ich eigentlich hören will.

Braucht man von Anfang an einen festen Plan?

Ohne jede Struktur komme ich nicht weit, das war mir schon nach den ersten Tagen klar. Einfach nur in alten Heften blättern macht nostalgisch, aber es ersetzt kein System. Ich habe mir daher die RS-Piano-Akademie angeschaut, weil sie mir wie ein echter Lehrplan für Erwachsene vorkam und nicht wie eine App, bei der man nur bunten Balken hinterherjagt. Für alle, die es mit der klassischen Technik ernst meinen, ist das ein Niveau, das mich bisher nicht unterfordert hat.

Klavier-Wiedereinstieg im Tagebuch: Eine Frau übt Klavier mit einem Online-Kurs am Tablet, während ihre Katze daneben schläft.

Was, wenn ich lieber Keyboard und Popsongs will statt Klassik?

Genau diese Frage stellt mir auch Rosemarie, eine Bekannte aus einem Online-Forum für Wiedereinsteiger, mit der ich mich seit meinem allerersten Beitrag dort austausche. Technisch ist sie mir inzwischen ein Stück voraus und schickt mir großzügig Empfehlungen – zuletzt einen Link zu KEYBOARD X, für alle, die es weniger klassisch und dafür über einen langen, systematischen Plan angehen wollen.

Woran ich als Nächstes arbeite

Ob am Ende eher eine App oder ein richtiger Online-Kurs zu meinem Alltag zwischen Manuskripten und Klavierbank passt, habe ich an anderer Stelle genauer für mich abgewogen. Für mich persönlich bleibt es vorerst bei der RS-Piano-Akademie – der klare Rahmen tut mir nach einem Tag voller Korrekturzeichen einfach gut.

Eine Sache nehme ich aus dieser ersten Woche und aus zwei Jahren Übung gleichermaßen mit: Nicht das Talent entscheidet, ob die Finger zurückfinden, sondern ob man bereit ist, Hände getrennt zu üben, den Fingersatz ernst zu nehmen, das Metronom laufen zu lassen und langsamer zu spielen, als man eigentlich könnte. Der Rest kommt von allein, auch wenn die Katze dabei auf der Bank liegt und so tut, als gehöre ihr das Klavier längst.

Verwandte Artikel