Mein Klavierweg

Barockmusik am Klavier spielen: Präzision trainieren nach der langen Pause

Klaviertastatur im Halbdunkel als Symbolbild für Barockmusik am Klavier und Feinmotorik-Training nach dem Wiedereinstieg

Ein über dreihundert Jahre altes Menuett verträgt nur wenig Nachsicht.

Vermutlich weniger, als mir lieb ist – aber genau das macht die Rückkehr zur Barockmusik am Klavier nach einer langen Pause zu einem so wirksamen Feinmotorik-Training. Wer nach Jahren wieder einsteigt und sich ausgerechnet an Bach heranwagt, um wirklich strukturiert zu üben, merkt schnell: Hier gibt es kein Pedal, das eine ungenaue Bewegung großzügig verwischt. Jede Note im Barock steht für sich, und genau diese Nacktheit macht das Üben zu einem Präzisionstraining, an dem sich der eigene Klavier-Wiedereinstieg messen lässt wie an kaum einem anderen Repertoire.

Meine Übungsecke in Gohlis ist dabei wenig glamourös: Das Digitalpiano klemmt zwischen Bücherregal und Fenster, auf der Bank liegt für gewöhnlich eine plattgedrückte Wolldecke, die eigentlich der Katze gehört, und auf dem Fensterbrett stapeln sich vergilbte Hefte aus den Neunzigern, die auf ihren nächsten Einsatz warten. Kein Konzertsaal, aber genug Raum, um mit Bach zu ringen.

Barockmusik verzeiht keine Unsauberkeit

Als Lektorin bringe ich einen Blick fürs Detail mit, der sich beim Bach-Üben sofort auszahlt – und mich genauso schnell blamiert, wenn ich schlampig spiele. Ein falscher Satzbau fällt mir in einem Manuskript in Sekunden auf; am Klavier ist es meine eigene Unsauberkeit, die genauso schnell auffliegt.

Vergilbtes Notenheft von 1994 mit handschriftlichen Fingersatz-Notizen zu Bachs Menuett in G-Dur – Ausgangspunkt für Barockmusik am Klavier

Romantische Stücke lassen sich mit dem Pedal noch großzügig verschmieren, Barockmusik dagegen nicht: Jede Achtelnote im Menuett in G-Dur aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach steht für sich allein und verlangt eine Gleichmäßigkeit, die eingerostete Hände erst wieder ausgraben müssen.

Meine alten Papiernoten behandle ich dabei fast ehrfürchtig, obwohl ich eigentlich öfter überlege, wie ich meine Klaviernoten auf dem Tablet nutzen könnte, um das Chaos in den Schubladen endlich zu ordnen. Für dieses eine Stück brauche ich aber das haptische Gefühl von 1994 unter den Fingern, Bildschirm hin oder her.

Genau das macht Barockmusik zum ehrlichsten Prüfstein für den Wiedereinstieg.

Kein Pedal, keine Ausrede, keine verschwommene Zwischennote – nur die Frage, ob der Ton sitzt oder nicht.

Der Trick mit den winzigen Bruchstücken

Vor meinem eigentlichen Wiedereinstieg mit Bach hatte ich schon einen Anlauf hinter mir, der im Sande verlaufen ist: ein Selbstlernbuch mit CD, das ich brav zur Hälfte durchgearbeitet habe, bevor es irgendwo zwischen meinen Kochbüchern verschwand. Das Problem war nicht die Motivation, sondern dass ich ganze Stücke am Stück üben wollte, statt sie wirklich zu zerlegen.

Bei Bach funktioniert das nicht. Ich behandle ein Stück inzwischen wie ein schwieriges Manuskript und zerlege es in winzige Abschnitte – manchmal nur zwei Takte, die ich so lange wiederhole, bis sie sich vertraut anfühlen. Wie man dabei das motorische Gedächtnis der Finger überhaupt wieder aufweckt, ist ein eigenes, größeres Thema; hier reicht mir die Beobachtung, dass Wiederholung in kleinen Einheiten schneller trägt als ganze Sätze am Stück. Ob man dafür grundsätzlich langsam übt oder mit dem Metronom arbeitet, ist wiederum eine andere Diskussion – bei mir entscheidet eher die Länge des Abschnitts als das Tempo, wie sicher er am Ende sitzt.

Warum wird non-legato zum wichtigsten Anschlag?

Im Barock ist non-legato fast wichtiger als jedes andere Ausdrucksmittel. Ich setze die Töne bewusst leicht voneinander ab, fast so, als würde ich beim Vorlesen jedes Wort einzeln artikulieren, statt alles ineinander zu verschleifen. Das klingt zunächst unnatürlich steif, bis man merkt, dass genau diese Trennung die Stimmen hörbar macht.

Hände auf der Klaviatur eines Digitalpianos beim non-legato Üben von Barockmusik – Feinmotorik-Training nach dem Klavier-Wiedereinstieg

Dazu kommt, dass beide Hände bei Bach oft völlig unabhängig voneinander laufen sollen, während meine linke Hand am liebsten einfach nachmacht, was die rechte gerade tut. Wie man diese Unabhängigkeit systematisch trainiert, ist Stoff für einen ganzen eigenen Artikel; ich kann nur bestätigen, dass sie beim Wiedereinstieg nicht von allein zurückkommt.

Ein entspanntes Handgelenk hilft dabei übrigens mehr, als ich gedacht hätte, auch wenn ich die Mechanik dahinter hier nicht weiter aufrolle. Und wie fest oder weich ein Finger die Taste trifft, verändert den Klang jeder einzelnen Note – auch das ein Thema für sich, hier nur am Rand erwähnt.

Hände trennen, bevor sie wieder zusammenfinden

Getrennte Hände üben habe ich als Kind gehasst und schätze es jetzt als Rettungsanker. Erst wenn die linke Hand ihre eigene Linie sicher trägt, lasse ich die rechte dazukommen – alles andere endet bei mir zuverlässig im Chaos. Genauso wichtig ist der Fingersatz: Ich achte inzwischen fast pedantisch auf den Daumenuntersatz, weil ein falscher Finger an der falschen Stelle die ganze Linie zum Stocken bringt.

Gerade in den lauftechnischen Passagen, die bei Bach häufiger vorkommen, als mir lieb ist, zahlt sich ein sauberes Fingersatzsystem für Tonleitern spürbar aus, auch wenn ich hier nicht im Detail erkläre, wie man es sich aneignet. Wer außerdem Intervalle auf Anhieb erkennt, statt sie Note für Note abzuzählen, liest sich schneller durch die verschachtelten Stimmen – ein Vorteil, den ich mir gerade erst wieder zurückerobere.

Phrasierung schlägt Metronom-Präzision

Metronomisch exakt zu spielen ist nicht dasselbe wie Bach gerecht zu werden. Wenn ich nur auf den Klick starre, verkrampfe ich sofort, und die Phrasierung geht komplett verloren – Barockmusik hat einen eigenen Atem, eine innere Architektur, die sich nicht in gleich große Häppchen pressen lässt. Mein wichtigster Ratschlag an mich selbst, und vielleicht auch an dich, falls du gerade genauso wieder einsteigst: erst die Phrasierung finden, dann über Tempo-Präzision nachdenken.

Bedienfeld eines Digitalpianos beim Bach-Üben – Präzisionstraining ohne Pedal für Barockmusik am Klavier

Sobald die Finger anfangen, Arpeggios am Klavier wieder als natürliche Bewegung statt als Fingerübung wahrzunehmen, verliert Barockmusik einen guten Teil ihrer einschüchternden Strenge. Das Pedal spielt dabei kaum eine Rolle – ich lasse es bei Bach fast komplett weg, weil die Klarheit der Stimmen sonst verloren geht; wie man es in anderen Stilrichtungen gezielt einsetzt, ist ein eigenes Thema.

Wer zusätzlich ein Gespür für die harmonische Struktur eines Stücks entwickelt, hört Wendepunkte in der Phrasierung schon, bevor die Finger sie greifen. Wie man sich dabei etwa am Quintenzirkel orientiert, ist noch mal ein eigenes Kapitel, das ich hier nur streife.

Rückschläge, Umwege und ein Leser namens Albert

Nicht jede Woche fühlt sich wie Fortschritt an – manchmal bewegt sich tagelang einfach nichts. Das scheint so gewöhnlich zu sein, dass es ein eigenes, größeres Thema für sich verdient, das ich hier nicht aufrolle.

Was bei mir zuverlässig hilft: auch üben, ohne am Klavier zu sitzen. Auf dem Rückweg von einem Termin in Connewitz, in der Biedermannstraße, habe ich neulich im Kopf die Fingerfolge einer Passage durchgespielt, ganz ohne Tasten unter den Fingern. Wie gut das grundsätzlich funktioniert und wofür es taugt, ist wieder eine andere Geschichte.

Ob man dafür eher mit Etüden wie Hanon übt oder direkt im Repertoire, ist ebenfalls eine Diskussion, die andere gründlicher führen als ich hier.

Ein Leser, Albert Fenneberg, hat mir nach einem früheren Eintrag lange geschrieben. Er spielt auf einem geerbten Klavier seiner Tante und kämpft vor allem mit dem Blattspiel, was er ehrlicher beschreibt, als es die meisten tun würden.

Meine Nachbarin Gisela brachte neulich auf dem Treppenabsatz wieder einen Zeitungsausschnitt vorbei, diesmal über Erwachsene, die alte Instrumente wiederentdecken.

Dienstagmorgen bin ich aufgewacht mit dem Bedürfnis, einfach zu üben, ganz ohne Vorsatz oder Tagesplan – kein Bach-Kapitel, das ich mir vorgenommen hatte, nur Lust auf die Tasten.

Genau dieses Gefühl ist am Ende wichtiger für die Präzision als jede einzelne Übungstechnik.

Wer ohne Druck an ein dreihundert Jahre altes Menuett herangeht, findet die Genauigkeit fast von selbst wieder.

Verwandte Artikel