
Seite vierzehn in meinem alten Notenheft ist an der Ecke eingerissen, weil ich sie über die Jahre so oft aufgeschlagen habe – und ausgerechnet dort beginnt der Irrtum, dem fast jede Wiedereinsteigerin beim Noten lesen aufsitzt. Der Glaube: Wer nur genug übt, liest irgendwann von selbst schneller vom Blatt. Auf Seite vierzehn steht ein Übungsstück, das ich als Teenager wohl hundertmal gespielt habe – und trotzdem konnte ich es mit sechsundvierzig nicht schneller lesen als ein Stück, das ich noch nie gesehen hatte. Blattspiel üben klingt nach etwas, das man nebenbei erledigt, wenn man nur genug Klavier spielt – aber genau das ist der Denkfehler, über den ich seit meinem Wiedereinstieg vor zwei Jahren in diesem Klaviertagebuch immer wieder stolpere: Noten lesen und ein Stück können sind zwei komplett unterschiedliche Fähigkeiten, die sich gegenseitig kaum helfen.
Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe, Fleiß mit Fortschritt zu verwechseln.
Ein Irrtum bremst fast jede Wiedereinsteigerin aus
Der Denkfehler klingt einleuchtend: Wer täglich spielt, wird zwangsläufig auch besser im Lesen. Aber Üben und Blattspiel sind unterschiedliche Baustellen. Man kann ein Stück nach hundert Wiederholungen auswendig im Schlaf spielen und trotzdem bei einem neuen, unbekannten Stück nach wenigen Takten steckenbleiben, weil das Gehirn dabei etwas völlig anderes tut.
Bruno aus dem Lektorat, zwei Büros weiter, hat mich neulich gefragt, ob ich inzwischen vom Blatt spiele wie er ein Manuskript überfliegt. Unmusikalisch ist er komplett, aber die Frage war klug: Nein, sagte ich, noch lange nicht – aber genau darum geht es in diesem Irrtum, den ich hier auflösen will.

Hilft tägliches Wiederholen wirklich beim Blattspiel?
Die kurze Antwort: kaum. Wiederholung trainiert Erinnerung, nicht das Entziffern von etwas Neuem. Genau deshalb bringt es wenig, ein einzelnes Stück wieder und wieder zu spielen, wenn das Ziel Blattspiel ist – dafür braucht es ständig neues, ungeübtes Material, zum Beispiel eine kleine Bach-Invention oder eine x-beliebige Burgmüller-Etüde aus einem fremden Heft, die man noch nie gesehen hat.
Vor einer Weile habe ich eine Probestunde bei einer Lehrerin genommen, die mir in der ersten Viertelstunde ausschließlich Tonleitern aufgab, ohne dass ich auch nur ein einziges Stück anspielen durfte. Ich verstehe die Logik dahinter, aber für mein Blattspiel hat es nichts gebracht – ich saß danach mit denselben Schwierigkeiten vor einem unbekannten Stück wie vorher. Zu dieser Lehrerin bin ich nicht zurückgegangen. Das ist übrigens etwas anderes als das langsame, korrigierende Üben mit dem Metronom, bei dem man ruhig stehen bleiben und einen Ton berichtigen darf – beim Blattspiel gilt das Gegenteil: weiterspielen, komme was wolle.
Weiterspielen trotz Fehler erzeugt am Anfang Anspannung im ganzen Arm, weil der Kopf am liebsten anhalten und korrigieren würde. Wie man dieses Verkrampfen wieder loswird, habe ich an anderer Stelle beschrieben – schau dir dazu gern an, wie du das Handgelenk locker halten beim Klavierspielen kannst, das hilft direkt auch beim Blattspiel.
Erkennen statt buchstabieren
Als Lektorin lese ich Wörter nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern als Ganzes – das Auge erkennt Wortbilder. Am Klavier machen Wiedereinsteigerinnen anfangs das Gegenteil: G, dann H, dann D, einzeln buchstabiert, während der Blick ständig zu den Händen abrutscht. Genau dieser Blickwechsel unterbricht den Takt.
Sobald man aufhört, jede Note einzeln zu entziffern, und stattdessen Muster sieht – einen Dreiklang, einen bekannten Tonleiterausschnitt, einen vertrauten Intervallsprung –, wird Blattspiel spürbar leichter. Eine Terz fühlt sich in der Hand anders an als eine Quinte, und wer genug Intervalle blind erkennt, muss die einzelnen Töne gar nicht mehr nachzählen. Erkennt das Auge eine Passage als vertraute Tonleiter, weiß die Hand den Fingersatz oft schon, bevor das Lesen überhaupt fertig ist. Auch ein erkannter Akkord greift schneller, wenn man die Harmonik dahinter grob versteht, ohne jedes Mal neu nachzudenken, welche Töne zusammengehören.
Im alten Heft von 1994 stehen die Fingersätze noch mit Bleistift über den Noten, manche Ziffern so oft radiert und neu geschrieben, dass sie kaum noch zu entziffern sind. Genau das war die alte Methode: jeden Finger einzeln festlegen, nichts dem Erkennen überlassen. Blattspiel funktioniert umgekehrt – man verlässt sich auf Muster statt auf notierte Anweisungen.

Das Auge muss dabei den Fingern vorauslaufen, ungefähr einen Takt weiter als das, was gerade gespielt wird – sonst bleibt keine Zeit, die nächste Handstellung vorzubereiten. Dieses Vorauslesen ist auch ein Grund, warum ich neulich geschrieben habe, wie Klavierspielen als Gedächtnistraining für Wiedereinsteiger im Alter von 40 plus wirkt. Manchmal hilft es sogar, ein kurzes Stück nur mit den Augen durchzugehen, ohne die Hände überhaupt zu bewegen, bevor man es tatsächlich spielt.
Grenzen ziehen: Was Blattspiel nicht trainiert
Blattspiel ersetzt nicht die Fingerfertigkeit, die nach Jahrzehnten Pause meist zuerst fehlt – das ist eine eigene Baustelle für sich. Es trainiert auch nicht, beide Hände unabhängig voneinander zu bewegen, und es sagt nichts darüber, wie man ein Übungsplateau übersteht, wenn über längere Zeit einfach nichts vorangeht. Pedal setzt man beim Blattspiel meistens noch gar nicht ein, weil schon das Lesen genug Aufmerksamkeit frisst, und wie ein Ton klingt – hart, weich, singend – ist eine Frage des Anschlags, nicht des Lesetempos. Auch die Orientierung im Quintenzirkel, die einem sagt, wie viele Kreuze oder Bs eine Tonart hat, lernt man nebenbei nicht durchs Blattspielen, genauso wenig wie den Unterschied zwischen einer Etüde von Czerny und einem echten Stück Repertoire, das man später einfach genießen will.
Blattspiel bleibt Handwerk, keine Gabe
Bei unserer Musikrunde in Plagwitz spielt Erika ausschließlich klassisches Repertoire, nie Pop, und selbst sie gibt zu, dass Blattspiel für sie kein Talent war, sondern reine Übungssache. Am ehesten vergleiche ich es mit einer Sprache, die man vor Jahrzehnten mal gelernt hat: Die Grammatik ist noch irgendwo da, aber flüssig liest man erst wieder, wenn man regelmäßig liest, statt jedes Wort einzeln zu übersetzen.
Wer wieder einsteigt, sollte also nicht das Lieblingsstück von früher zum hundertsten Mal üben, um schneller zu werden – das trainiert Erinnerung, nicht Lesen. Nimm stattdessen jeden Tag ein paar Minuten ein Stück, das du noch nie gesehen hast, spiel es einmal komplett durch, egal wie viele Töne daneben gehen, und schau dabei nicht auf die Hände. Alles andere ist eine gute Übung – nur eben keine, die das Blattspiel selbst verbessert.