Mein Klavierweg

Klaviernoten sortieren und organisieren: Tipps für die Sammlung alter Hefte

Klaviernoten sortieren und organisieren: Tipps für die Sammlung alter Hefte

Der Stapel Notenhefte auf meinem Fensterbrett in Leipzig-Gohlis reicht inzwischen bis zur Fensterklinke. Seit dem Klavier-Wiedereinstieg wächst er beinahe von selbst weiter – lose Notenblätter, zerfledderte Ausgaben, ein paar handgeschriebene Zettel meiner alten Lehrerin, alles durcheinander. Irgendwann reichte es: Klaviernoten sortieren und dauerhaft archivieren stand ganz oben auf meiner Liste, noch vor dem nächsten neuen Stück – eine richtige Noten-Organisation musste her.

Bevor es weitergeht, kurz die Offenlegung: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen dieser Links etwas, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass für dich ein Cent mehr anfällt. Verlinkt wird hier nur, was ich auf meinem eigenen Weg zurück ans Klavier wirklich einsetze oder ernsthaft geprüft habe.

Sortieren einer ganzen Kiste alter Klaviernoten

Am Anfang steht bei mir nicht der Komponist, sondern eine einzige Frage: Schaffe ich das Stück heute, in einem Jahr oder noch lange nicht? Drei Stapel reichen dafür völlig – einer für „geht gerade so", einer für „mit Geduld machbar" und einer für „das packe ich heute noch".

Eine Chopin Nocturne mit Bleistiftrandnotizen meiner alten Lehrerin landet bei mir sofort auf dem mittleren Stapel. Diese alten Anmerkungen zu entziffern fühlt sich an, als würde ich die Handschrift einer fremden Person lesen – vertraute Buchstaben, aber der Sinn kommt erst nach ein paar Sekunden zurück. Auf einem anderen Blatt steht in Kugelschreiber nur ein einziges Wort: „Schulter!", ohne jeden weiteren Kontext, und bis heute weiß ich nicht mehr genau, welches Stück das eigentlich betraf.

Nahaufnahme einer Hand, die beim Klaviernoten sortieren vergilbtes Notenpapier aus den 1990ern berührt.

Was das erste Anschlagen alter Stücke mit dem Körper macht

Neulich griff ich nach einem alten Rachmaninow-Ausschnitt, nur um zu testen, ob die Oktavgriffe noch so leicht sitzen wie früher. Ein kurzes Ziehen im Unterarm holte mich sofort zurück in die Gegenwart. Muskelgedächtnis am Klavier ist real, aber die Beweglichkeit dafür holt sich der Körper nur ganz allmählich zurück, ganz ohne Abkürzung. Deshalb liegt inzwischen ein eigener kleiner Stapel nur für Übungen bereit, die die Handgelenke lockern, bevor überhaupt ein Ton fällt.

Wertvolle Ausgaben lagern, wenn eine Katze im Haus wohnt

Offene Notenständer sehen im Wohnzimmer hübsch aus, bis eine Katze beschließt, dass ein Stapel Papier das neue Lieblingsspielzeug ist. Meine Henle-Urtext-Ausgaben stehen deshalb ganz oben im Schrank, weit außerhalb jeder Pfotenreichweite – für das schöne blaue Cover ist mir das Risiko einfach zu groß. Wer wertvolle oder seltene Ausgaben besitzt, sollte sie grundsätzlich geschlossen und erhöht lagern, egal ob Katze, Kind oder einfach nur Zugluft am Fenster das Problem ist.

Blaue Henle-Urtext-Notenhefte, sicher verstaut auf einem hohen Regalbrett bei der Noten-Organisation.

Noten-Organisation nach Themenstapeln, nicht nach Komponisten

Alphabetisch nach Komponist zu sortieren, klingt ordentlich, hilft mir beim Üben aber kaum weiter. Wichtiger ist, wofür ein Heft gerade gut ist.

Ein Stapel ist ausschließlich für Stücke reserviert, die beide Hände zwingen, unabhängig voneinander zu denken, ein anderer für alles, was nur mit dem Metronom in ganz langsamem Tempo funktioniert. Eine dünne Mappe trägt alles, was reines Blattspiel trainiert, direkt daneben liegt die Mappe für Phasen, in denen sich einfach nichts mehr weiterentwickelt. Harmonien und Akkordgriffe haben eine eigene Schublade, genauso wie ein schmaler Ordner nur fürs Pedal. Intervalle stehen getrennt von Tonleitern üben am Klavier, und ein kleines Heft direkt neben der Klavierbank sammelt nichts als Übungen für Klangfarbe und Anschlag. Der Quintenzirkel hängt, aufgeklebt auf einen Mappendeckel, als Orientierung für alles rund um Tonarten. Eine letzte, dünne Mappe enthält gar keine Noten zum Spielen, sondern nur Notizen fürs Üben im Kopf, ganz ohne Instrument. Und ganz vorn, bewusst getrennt von den Etüden, liegt der Stapel mit echtem Repertoire, damit die beiden sich nie zu einem einzigen, mühsamen Haufen vermischen.

Brüchige Seiten reparieren, ohne sie zu ruinieren

Papier aus den Neunzigern reißt inzwischen erschreckend leicht, gerade an den Faltstellen. Eine alte Bach-Invention hat es bei mir genau an dieser Stelle erwischt – ein sauberer Riss mitten durch den Bassschlüssel.

Der erste Reflex war gewöhnlicher Tesafilm aus der Küchenschublade. Keine gute Idee: Innerhalb weniger Tage verfärbte sich das alte, säurehaltige Papier genau dort, wo der Klebstoff saß, dunkler als der Rest der Seite. Seitdem kommt nur noch säurefreies Reparaturband aus dem Bastelbedarf an die Notenhefte, auch wenn es in der Handhabung unpraktischer ist als der schnelle Tesafilm.

Der Klavierkreis, zu dem ich nie gegangen bin

Vor einer Weile habe ich mich für einen Klavierkreis im Kulturzentrum angemeldet, in der festen Absicht, dort regelmäßig mit anderen zu spielen. Der Termin stand im Kalender, die Anmeldebestätigung kam per Mail – und trotzdem bin ich kein einziges Mal hingegangen. Die Gruppe war mir am Ende zu groß, der Gedanke an fremde Ohren beim eigenen Herumstolpern zu unangenehm. Seitdem sortiere und übe ich lieber allein, mit den Notenheften vor mir statt mit einem Publikum, auch wenn mir bewusst ist, dass mir dadurch der Austausch fehlt, den andere Wiedereinsteiger offenbar brauchen.

Digitale Kurse ordnen sich in die alte Sammlung ein

Alte Hefte allein bringen mich inzwischen nur bis zu einem gewissen Punkt zurück ans Klavier. Für den eigentlichen Wiedereinstieg nutze ich parallel die RS-Piano-Akademie, eine strukturierte Ausbildung im Akademie-Format, die eher auf ernsthafte Erwachsene zugeschnitten ist als auf schnelle App-Häppchen.

Inzwischen liegt eine alte Etüde aus meinem Heft von 1994 öfter neben dem Tablet auf dem Notenpult, beide gleichzeitig griffbereit. Für alle, die lieber mit einem festen Fahrplan arbeiten als mit einzelnen Kurslektionen, lohnt sich zusätzlich ein Blick auf den 52-Wochen-Plan von Keyboard X – dort steht die Struktur von Anfang an fest, was manchen Wiedereinsteigern mehr Sicherheit gibt als frei wählbares Kursmaterial.

Ein Tablet mit Online-Klavierkurs neben einem alten Notenheft auf dem Notenständer – Klavier-Wiedereinstieg zwischen analog und digital.

Was Leser mich am häufigsten fragen

Albert Fenneberg hat mir vor einiger Zeit geschrieben und genau diese Frage gestellt: Wie finde ich beim Üben überhaupt schnell das richtige Blatt, wenn ich mit dem Blattspiel sowieso schon kämpfe? Er übt auf einem geerbten alten Klavier und tut sich, nach eigener Aussage, mit dem Lesen auf den ersten Blick besonders schwer.

Die Antwort darauf: eine eigene, dünne Mappe nur für das, was gerade aktuell in Arbeit ist, getrennt von der großen Sammlung. Alles andere bleibt im Schrank, bis es wieder dran ist – so muss niemand mitten im Üben durch zwanzig Jahre Notenchaos blättern, um das eine Blatt zu finden, das gerade gebraucht wird.

Auf dem Treppenabsatz vor ein paar Tagen drückte mir meine Nachbarin Gisela Mähler wieder einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel in die Hand, diesmal über eine Frau, die mit sechzig wieder Geige spielen lernt – Gisela sammelt solche Geschichten für mich, seit sie von meiner alten Klavierzeit weiß. Ich musste lachen, weil der Packen Notenhefte in meinem Arm in dem Moment fast so hoch war wie der Packen Zeitungsausschnitte, den sie mir mittlerweile schon zugesteckt hat. Die schönste Sortiermethode bringt trotzdem nichts, wenn danach niemand wieder ans Klavier setzt – die Ordnung ist nur das Gerüst, gespielt werden muss immer noch selbst.

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