
Meine rechte Hand nimmt den Mozart-Lauf in der Sonate inzwischen ohne Umweg, der Fingersatz sitzt, ohne dass ich beim Spielen noch bewusst daran denken muss.
Vor Monaten wäre das undenkbar gewesen. Klavier üben nach Jahrzehnten Pause bedeutet eben nicht nur, alte Stücke wiederzufinden, sondern beim Wiedereinstieg jeden Fingersatz neu zu verhandeln, mit einer Hand, die anders reagiert als früher.
Alte Zahlen, neue Wege: Fingersatz nach Jahren Pause
Das Notenheft von 1994 liegt seit ein paar Wochen wieder aufgeschlagen neben den Tasten. Am Rand stehen verblasste Bleistiftzahlen von 1 bis 5, kleine Wegweiser einer Lehrerin, die ich damals blind befolgt habe. Wenn ich diese alten Markierungen heute probiere, stolpere ich fast jedes Mal an derselben Stelle.
Am ehesten lässt sich das mit einer alten Handschrift vergleichen, die man nach Jahrzehnten wieder lesen soll. Die Buchstaben sind vertraut, aber die Hand, die sie einmal geschrieben hat, ist eine andere geworden. Die Sehnen im Handgelenk ziehen bei einem zu weiten Sprung inzwischen spürbar, ein kurzes Warnsignal, das ich mit 16 nie gekannt habe. Damals hat pure Beweglichkeit über jede Unsauberkeit hinweggeholfen. Heute braucht es eine Idee, bevor die Finger überhaupt losgehen.

Schnelligkeit am Klavier ist, so viel habe ich inzwischen begriffen, weniger eine Frage der Fingergeschwindigkeit als der Wegersparnis. Ein Handgelenk, das sich unnötig hebt und senkt, kostet mehr Zeit als jeder einzelne Ton. Diese Art von Klaviertechnik lernt sich nicht über Nacht, aber sie lässt sich beobachten. Genau diese Ermüdung war es, die mich im Mai fast wieder ans Aufgeben gebracht hat, mitten in einer Passage, die auf dem Papier völlig harmlos aussah.
Der Daumen wandert schon vor dem Ton
Der Daumenuntersatz ist die Technik, mit der eine Tonleiter über mehrere Oktaven ohne Bruch weiterläuft. Auf dem Papier klingt das nach einer einfachen Regel. In der Praxis muss der Daumen schon unter den dritten oder vierten Finger wandern, während dieser noch die Taste hält, ein bisschen wie ein Läufer, der sich in den Startblock stellt, bevor der vorherige die Ziellinie überhaupt erreicht hat.
Wenn eine Passage holpert, radiere ich die alten Zahlen von 1994 mittlerweile ohne schlechtes Gewissen weg und suche einen Fingersatz, der zu meiner heutigen Hand passt. Manchmal untersetze ich den Daumen an einer Stelle, die früher als falsch gegolten hätte. Es funktioniert trotzdem, weil ich nicht mehr gegen den eigenen Widerstand anspiele, sondern mit ihm.
Ähnlich wie beim Korrekturlesen eines schwierigen Manuskripts muss man manchmal den ganzen Satzbau umstellen, damit der Rhythmus wieder stimmt. Wer nach Jahren neu anfängt, sich in solchen Fragen zu orientieren, findet oft Hilfe darin, den richtigen Fingersatz am Klavier finden für flüssiges Spielen nach Jahren systematisch zu üben, fast so, als hätte man nie zuvor eine Taste berührt.
Ein fester Fingersatz ist manchmal die eigentliche Falle
Vor ein paar Wochen ist mir etwas aufgefallen, das ich vorher anders gesehen hätte: Die ständige Suche nach dem einen perfekten Fingersatz bremst mehr, als sie hilft. Früher dachte ich, die Zahlen müssten einmal festgelegt werden und dann wie ein Gesetz gelten. Meine Hand lernt heute aber offenbar anders. Bewusst wechselnde, sogar suboptimale Kombinationen zu üben, macht die Finger insgesamt beweglicher, nicht weniger.
Klingt widersprüchlich, ist es aber nicht: Ich spiele einen Takt einmal mit 1-2-3, beim nächsten Mal mit 1-2-4. Über diese Umwege stellt sich die Hand auf Unvorhergesehenes ein, und wenn ich zum bequemsten Fingersatz zurückkehre, fühlt er sich auf einmal doppelt so leicht an. Erstaunlich ist, wie viel die Finger offenbar behalten haben, obwohl der Kopf die meisten Details längst vergessen hatte. Beim Klavierstücke auswendig zu lernen passiert mir dasselbe. Der Kopf gerät in eine Sackgasse, die Hand findet trotzdem weiter.

Kontrolle schlägt Bequemlichkeit, das ist der eigentliche Punkt. Wenn die Finger wissen, dass sie mehrere Wege durch eine Passage haben, verschwindet die Angst vor dem Verspielen, und genau diese Angst ist es, die das Handgelenk verkrampfen lässt. Ein Nachmittagsspaziergang über den Augustusplatz, vorbei am Gewandhaus, und die Passage lief im Kopf noch einmal ganz von selbst durch, ohne dass ich bewusst daran gearbeitet hätte.
Woche 10: zwei Notenhefte nebeneinander
In Woche 10 habe ich zum ersten Mal die Zettel aus der allerersten Übungswoche wieder rausgesucht und neben die aktuellen gelegt. Die alten sind vollgekritzelt mit durchgestrichenen Zahlen und Ausrufezeichen, die neuen zeigen nur noch zwei, drei ruhige Korrekturen am Rand. Der Unterschied war größer, als ich erwartet hatte.
Meine Nachbarin hat vor ein paar Monaten mit Ashtanga-Yoga angefangen und schafft inzwischen jeden Morgen vor der Arbeit zwanzig Minuten auf der Matte. Bei mir sind es meistens zehn Minuten Fingersatz-Wiederholungen am Abend, bevor die Augen zufallen: kleine, stur wiederholte Einheiten, die sich nach Wochen zu etwas summieren, das größer wirkt als die Summe der einzelnen Abende.
Nicht jede Methode hat funktioniert. Eine ganze Woche lang habe ich stur im Metronomtakt geübt, jeden Ton exakt aufs Klicken, und wurde davon so nervös, dass sich die Hand regelrecht verkrampft hat. Irgendwann habe ich das Gerät einfach ausgeschaltet und seither nicht mehr angerührt. Die linke Hand übe ich inzwischen oft für sich, bevor beide Hände wieder zusammenfinden, einfach weil sich das im Moment ehrlicher anfühlt als beides gleichzeitig zu erzwingen.
Die Katze lässt sich mittlerweile mit einem schweren, gemächlichen Sprung auf die linke Seite der Bank fallen, immer genau dort, wo mein kleiner Finger am wenigsten Platz braucht. Ich habe aufgehört, sie wegzuscheuchen. Ein guter Fingersatz ist am Ende kein Naturgesetz, das man einmal findet und dann für immer befolgt, sondern eine Entscheidung, die man sich erlauben darf, immer wieder neu zu treffen, für die Hand, die man heute hat, nicht für die von 1994.