
Muss man sich beim Klavier wirklich stur an die kleinen Zahlen über den Noten halten, oder verliert man sonst jede Chance auf ein flüssiges Spiel? Diese Frage begleitet mich, seit ich nach Jahrzehnten Pause wieder anfange, regelmäßig Klavier zu üben, mein altes Notenheft aufschlage und merke, wie unsicher sich meine Finger bei der Wahl des richtigen Fingersatzes noch anfühlen. Die Fingersatz-Tipps aus meiner Jugend klingen erst mal streng: eine Nummer, ein Finger, keine Abweichung. Je länger ich mich mit dem Wiedereinstieg ans Klavier beschäftige, desto mehr Zweifel bekomme ich an dieser Regel.
Der Irrtum, dem fast jede Wiedereinsteigerin glaubt
In fast jedem Forum für Klavier-Wiedereinsteiger liest man denselben Satz: Wer den vorgeschriebenen Fingersatz nicht exakt einhält, ruiniert sich die Technik dauerhaft. Ich habe das selbst geglaubt. Rosemarie Völkner, mit der ich mich in einem Onlineforum für Wiedereinsteiger austausche, hat mir vor einiger Zeit einen Screenshot geschickt – dort hatte jemand geschrieben, ein falscher Finger sitze für immer wie ein Splitter unter der Haut. Klingt dramatisch. Ist aber Unsinn.
Der gedruckte Fingersatz in einer Ausgabe ist kein Gesetz, sondern der Vorschlag einer einzigen Person – meistens eines Herausgebers mit anderen Händen, anderer Fingerlänge, anderem Spielgefühl als meinem. Bei den Ausgaben, die ich besitze, etwa vom Henle-Verlag, merke ich das ständig: Manche Fingersätze passen wie angegossen, andere fühlen sich an, als hätte sie jemand für eine fremde Hand notiert.

Der gedruckte Fingersatz ist nicht bindend
Nein. Aber mit einer Einschränkung, die viele Wiedereinsteiger überspringen.
Ein Fingersatz, den man ständig wechselt, verhindert genau das, was man beim Comeback am meisten braucht: eine Bewegung, auf die sich die Hand verlassen kann, ohne dass der Kopf jedes Mal neu nachdenken muss. Ob dieser Weg exakt der gedruckte ist oder ein eigener, den ich mir daneben notiere, spielt für diese Verlässlichkeit kaum eine Rolle. Entscheidend ist nur, dass ich mich festlege und die Entscheidung nicht bei jedem Durchgang neu verhandle.
Der Bleistift als Gegenmittel
In meinem alten Heft von 1994 – eines von mehreren vergilbten Bänden, die auf der Fensterbank neben dem Klavier liegen – stehen über einigen Takten kleine Zahlen, mit weichem Bleistift geschrieben. An manchen Stellen sind sie kaum noch zu entziffern und offenbar später durch eine zweite, festere Zahl ersetzt worden. Diese alten Notizen wiederzuerkennen fühlt sich seltsam vertraut an, ungefähr so, wie man die eigene Handschrift aus einem lange nicht mehr gelesenen Brief erkennt, obwohl man sich an das Schreiben selbst kaum noch erinnert.
Ich nehme inzwischen selbst wieder den Bleistift zur Hand, wenn eine Stelle hakt. Ich probiere zwei oder drei Varianten aus, direkt am Klavier in meiner Wohnzimmerecke, während die Katze sich auf ihrem plattgesessenen Deckenfleck auf der Bank ausstreckt und mich dabei beobachtet. Die Variante, die sich am ehesten nach der nächsten Note anfühlt, wird notiert. Danach halte ich mich daran – und genau das war früher mein Fehler: Ich habe mich nie festgelegt, sondern bei jedem Versuch neu improvisiert.
Für alte Notenhefte wie meins, die eh schon auseinanderfallen, habe ich übrigens ein paar Gedanken aufgeschrieben, wie man am besten seine Klaviernoten sortieren und organisieren kann – gerade wenn handschriftliche Fingersätze über Jahrzehnte hinweg das einzige System sind, das noch Sinn ergibt.
Vertraue deiner eigenen Hand mehr als dem Heft
Der zweite Irrtum, eng verwandt mit dem ersten: dass ein „richtiger" Fingersatz für jede Hand gleich gut funktioniert. Mein kleiner Finger ist schlicht nicht kräftig genug für manche Akzente, die sich ein Herausgeber vorgestellt hat. Wenn ich das ignoriere, verkrampfe ich, und aus einer sauberen Passage in einer Bach-Invention wird ein hörbarer Kampf. Wie viel Spannung im Handgelenk dabei entsteht, ist ein eigenes Thema für sich – hier reicht die Beobachtung, dass ein Fingersatz, der zur eigenen Hand passt, sich leichter anfühlt, lange bevor er auch richtig klingt.
Manchmal wähle ich sogar bewusst einen Fingersatz, der auf dem Papier unlogisch aussieht, weil er mich zwingt, eine Phrase bewusster zu gestalten, statt sie nur motorisch abzuspulen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun. Musik im Alter neu zu entdecken bringt eine andere musikalische Intuition mit sich als mit zwölf, als ich noch für eine Prüfung gespielt habe und nicht für mich selbst in meinem Wohnzimmer in Leipzig-Gohlis.
Nicht jede Methode, die anderen hilft, hat bei mir funktioniert. Ich habe eine Weile einen YouTube-Kanal für erwachsene Wiedereinsteiger verfolgt, bis mich nach drei Videos die Stimme des Lehrers so genervt hat, dass ich einfach aufgehört habe zuzuschauen. Das war keine Absage an gute Erklärungen im Allgemeinen, nur an diese eine Stimme in meinem Wohnzimmer. Danach habe ich mir lieber selbst mit Bleistift und Geduld geholfen. Irene, meine alte Schulfreundin, hat dazu nur trocken gemeint, sie höre den Unterschied zwischen dem Klavier aus unserer Schulzeit und meinem digitalen sowieso nicht durch die Wand.
Nach einer Stunde am Klavier fühlen sich meine Hände inzwischen angenehm müde an, ungefähr so wie die Beine nach einem zügigen Spaziergang die Hohe Straße in der Südvorstadt hinunter – eine erschöpfte Ruhe, kein Schmerz, eher das Gefühl, etwas ordentlich benutzt zu haben.
Fingersatz ist nur der Anfang
Ein guter Fingersatz löst nicht automatisch jedes Problem beim Wiedereinstieg ans Klavier. Er ist die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Warum sich die linke Hand oft fauler entwickelt als die rechte, wie langsames Üben mit dem Metronom später zu echtem Rhythmusgefühl wird, warum Blattspiel sich manchmal wie eine ganz andere Fähigkeit anfühlt als das Auswendigspielen, was man tut, wenn sich tagelang gar nichts mehr bewegt, wie Akkorde als System statt als Einzelfälle Sinn ergeben, wie man das Pedal timt, ohne den Klang zu verschmieren, wie man Intervalle auf Anhieb erkennt, welche Systematik hinter Tonleitern-Fingersätzen steckt, was einen sauberen Anschlag ausmacht, wofür der Quintenzirkel als Landkarte taugt, wie stilles Üben im Kopf ganz ohne Instrument funktioniert, und was Etüden von echtem Repertoire unterscheidet – das sind alles eigene Baustellen, die ich an anderer Stelle ausführlicher angehe.
Ich merke, wie sehr mir dabei das Thema Muskelgedächtnis am Klavier hilft, geduldig zu bleiben – das ist aber eine andere Geschichte, die woanders mehr Platz verdient.
Für heute reicht mir die kleine Erkenntnis, dass ein Fingersatz, der zu meiner eigenen Hand passt, mehr wert ist als einer, der im Heft am ordentlichsten aussieht.