Mein Klavierweg

Das linke Klavierpedal richtig nutzen: Wann man das Una Corda Pedal einsetzt

Una Corda Pedal am Digitalpiano: Klaviertechnik für Wiedereinsteiger beim gezielten Pedaleinsatz

Drei Pedale hat fast jedes Klavier – aber die meisten Wiedereinsteiger benutzen zuverlässig nur eines davon. Das rechte, das Haltepedal, kennt jeder sofort wieder, selbst nach jahrzehntelanger Pause. Das linke dagegen, das Una Corda Pedal, bleibt für viele ein Rätsel, das man am liebsten ignoriert. Genau dieses Missverständnis will ich hier gerade rücken: Una Corda ist keine Leisetaste, sondern ein eigenständiges Werkzeug der Klaviertechnik, das für Wiedereinsteiger am Digitalpiano genauso wichtig werden kann wie für Konzertpianisten.

Der Irrtum: Una Corda als bloße Leisetaste

Rosemarie Völkner, die ich aus einem Onlineforum für Klavier-Wiedereinsteiger kenne, hat mich im Forum genau das gefragt: ob das linke Pedal nur dazu da sei, in der Mietwohnung niemanden zu stören. Eine nachvollziehbare Vermutung. Ich bin selbst lange davon ausgegangen.

Die Vorstellung, das Pedal mache das Klavier bloß leiser, hält sich hartnäckig, und sie stimmt sogar ein Stück weit. Aber sie erklärt nur die halbe Wahrheit. Una Corda heißt auf Italienisch wörtlich eine Saite. Schon der Name verrät, dass hier mehr passiert als ein einfaches Leiserdrehen. Wer nur an Lautstärke denkt, tritt das Pedal wie einen Dimmer und übersieht dabei, was eigentlich zählt: Der Klang verändert seinen Charakter, nicht nur seine Größe. Weicher, runder, wie durch ein hauchdünnes Tuch gespielt. Das ist ein Klangfarbenwerkzeug, kein Lautstärkeregler.

Drei Klavierpedale in Nahaufnahme – der linke Fuß zögert über dem Una Corda Pedal

Digitalpiano oder Flügel: unterschiedliches Gefühl unterm Fuß

Bei einem akustischen Flügel verändert sich beim Treten des Pedals wirklich etwas an der Mechanik selbst. Ein Digitalpiano kann das nicht nachbilden und simuliert stattdessen nur den veränderten Klang über die Elektronik. Unter den Fingern fühlt sich das kaum anders an, klingt aber trotzdem verändert. Ein kleiner Widerspruch, an den ich mich erst gewöhnen musste.

Una Corda in den Noten erkennen

Neben dem Digitalpiano stapeln sich bis heute die vergilbten Hefte aus meiner Teenagerzeit, dort auf dem Fensterbrett, und in einem davon, bei einem Chopin-Nocturne, steht una corda über einem Takt. Als Teenager habe ich diese Anweisung damals vermutlich einfach überlesen. Heute lese ich sie anders: nicht als Befehl zur Zurückhaltung, sondern als Einladung, dem Ton eine andere Farbe zu geben. Sobald im Notentext wieder tre corde steht, löst man das Pedal, und der ursprüngliche Klang kehrt zurück.

Vergilbtes Notenheft mit der Spielanweisung una corda, wichtig für Klaviertechnik beim Wiedereinstieg

Wann sich der linke Fuß wirklich lohnt

Ich nutze das Pedal inzwischen gezielt, wenn in den Noten pp oder ausdrücklich una corda steht, und lasse es wieder los, sobald tre corde auftaucht. Es eignet sich für Passagen, die etwas Intimes brauchen, für einen leiseren zweiten Durchgang einer Phrase, oder für den Moment, in dem sich eine Melodie zurückzieht, statt sich zu behaupten. Ein Fingersatz, der ohnehin schon wackelig sitzt, wird durch das Pedal nicht gerettet, sondern nur zugedeckt. Deshalb denke ich zuerst an den richtigen Fingersatz am Klavier, bevor der linke Fuß überhaupt ins Spiel kommt.

Bevor ich mir das Digitalpiano geschenkt habe, hatte ich es kurz mit einem alten MIDI-Controller aus dem Keller versucht. Ohne echten Tastenwiderstand unter den Fingern fühlte sich jede Übung falsch an, und ich habe nach einer Woche aufgegeben. Diese Erfahrung fiel mir wieder ein, als ich zum ersten Mal bewusst auf den veränderten Widerstand unter dem linken Fuß geachtet habe: Auch beim Pedal entscheidet das Gefühl im Körper darüber, ob eine Übung sich lohnt oder nur frustriert.

Der linke Fuß muss über längere Zeit eine feine, haltende Bewegung leisten, für die er schlicht nicht trainiert ist, und das macht sich in der Wade bemerkbar, noch bevor man es in den Tasten hört. Diese Art Anspannung hat viel mit der allgemeinen Frage zu tun, wie Handgelenk und Unterarm beim Spielen locker bleiben. Ein eigenes großes Thema, das über das Pedal weit hinausgeht.

Katze schläft auf der Klavierbank während der Digitalpiano-Übung einer Wiedereinsteigerin

Klangfarbe ist mehr als Fingerkraft

Ein schöner, tragfähiger Ton entsteht ohnehin zuerst im Anschlag selbst, lange bevor ein Pedal überhaupt ins Spiel kommt. Aber das ist ein eigenes Kapitel für sich. Das Una Corda Pedal setzt darauf noch eine zweite Ebene obendrauf: Es verschiebt, wohin sich ein Ton bewegt, nicht nur, wie laut er klingt. Wer außerdem versteht, warum bestimmte weiche Klänge gerade in bestimmten Tonarten so gut funktionieren, findet über kurz oder lang zum Quintenzirkel für Klavier Wiedereinsteiger – dort liegt die Struktur, die hier nur den Klang bekommt.

Die Faustregel, die geblieben ist

Meine Faustregel ist inzwischen einfach: Das Pedal kommt erst dazu, wenn eine Stelle auch ohne es schon sitzt. Kommt es früher zum Einsatz, vernebelt es genau die Unsauberkeiten, die eigentlich noch Übung brauchen. Kommt es dagegen bewusst und gezielt dazu, wird aus einer schlichten Wiederholung plötzlich ein anderer musikalischer Moment. Ein kleiner Metallhebel unter der Fußsohle entscheidet dann über Klangfarbe, nicht über Rücksicht auf die Nachbarwohnung.

Die Katze hat sich davon unbeeindruckt auf ihrem Fleck breitgemacht, dort wo die Wolldecke auf der Bank längst keine Falten mehr wirft.

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