Mein Klavierweg

Klavierstücke auswendig lernen: Warum mein Gedächtnis in Woche 4 streikt

Wiedereinstieg ins Klavier lernen – Gedächtnistraining für auswendig gespielte Klavierstücke am Digitalpiano

Die linke Hand kennt das Menuett auswendig. Der Kopf nicht. Genau an diesem Widerspruch hängt gerade mein ganzes Gedächtnistraining am Klavier: Zwei Systeme in mir merken sich dieselbe Musik auf völlig unterschiedliche Weise, und nur eines der beiden hält stand, sobald die Konzentration kurz aussetzt. Wer nach Jahren wieder mit dem Klavier lernen anfängt, so wie ich seit meinem Wiedereinstieg, stößt früher oder später genau auf diese Kluft zwischen dem, was die Finger schon können, und dem, was der Kopf noch nicht kann – egal, ob am Digitalpiano zu Hause oder am alten Klavier der Kindheit.

Kurzer Hinweis vorab: Dieser Blog läuft über Affiliate-Links. Kaufst du über einen dieser Links einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision – am Preis für dich ändert das nichts. Ich schreibe nur über Dinge, die ich selbst an meinen eigenen Tasten ausprobiert habe. Alles Weitere dazu steht in meiner Offenlegung.

Bevor ich weiter erzähle, die kurze Antwort, warum das Gedächtnis so oft streikt: Es reicht nicht, ein Stück zu können, solange die Tasten unter den Fingern liegen. Wirklich auswendig ist ein Stück erst, wenn ich es im Kopf durchspielen kann, ohne dass die nächste Taste mir den nächsten Ton verrät – ein Test, den ich mir zur Gewohnheit gemacht habe, seit ich merke, wie oft ich genau daran scheitere.

Neulich habe ich nur mit der linken Hand geübt, ganz bewusst ohne die rechte, und die Finger fanden jeden Ton von selbst, während mein Kopf noch gar nicht wusste, welcher Akkord als Nächstes dran ist. Kein Finger-Denken nötig, nur Finger-Wissen. Genau dieses alte Muskelgedächtnis nach Jahren ohne Klavier wieder zu wecken, ist offenbar ein eigenes kleines Training für sich, unabhängig davon, was der Kopf gerade begreift.

Ähnlich ist es mit dem Weg durch den Palmengarten in Leipzig, den ich oft gehe: Die Füße biegen an der richtigen Stelle ab, ohne dass ich nachdenken muss, wohin es als Nächstes geht. Am Klavier ist das derselbe Mechanismus – nur dass diesmal die Finger den Weg kennen und nicht die Beine.

Was bei mir dagegen nicht funktioniert hat: eine Anmeldung für einen Klavierkreis im Kulturzentrum, zu dem ich am Ende nie hingegangen bin. Ich dachte, feste Termine mit anderen würden mein Gedächtnis unter Druck setzen und so schneller festigen. Stattdessen lag die Bestätigungsmail wochenlang ungelesen im Postfach, und ich habe am Ende doch lieber allein geübt, in meinem eigenen, unregelmäßigen Tempo.

Warum die Finger schneller lernen als der Kopf

Altes, vergilbtes Klavier-Notenheft mit Bleistiftnotizen – Ausgangspunkt für Wiedereinstieg und Gedächtnistraining beim Klavier lernen

Kopf-Erinnerung fühlt sich für mich eher an wie eine Fremdsprache, die ich früher einmal beherrscht habe: Die Grammatik sitzt noch tief irgendwo, aber einzelne Vokabeln muss ich mühsam wieder hervorkramen. Noten lesen und ein Stück auswendig spielen sind bei mir inzwischen fast zwei getrennte Fähigkeiten, die sich beim Üben eher gegenseitig im Weg stehen als sich zu ergänzen. Schnelles, häufiges Wiederholen bringt mich dabei kaum weiter – langsames, fast schon lästig genaues Üben jeder einzelnen Wendung dagegen schon.

Erwachsene nutzen beim Lernen offenbar mehr den analytischen Teil des Gehirns als Kinder, den präfrontale Kortex – genauer will ich das hier gar nicht erklären, das würde ich als Verlagslektorin und nicht als Neurowissenschaftlerin auch gar nicht seriös hinbekommen. Für mich heißt das im Alltag nur: Ich analysiere ein Stück, statt es einfach fließen zu lassen, und genau das bremst mich manchmal mehr, als es hilft.

Hände einzeln lernen, um sie später zusammenzuführen

Unsichere Hände über den Klaviertasten – Fingergedächtnis und Gedächtnistraining beim Klavier lernen im Wiedereinstieg

Was mir inzwischen am meisten hilft: die Hände getrennt auswendig zu lernen, bevor ich sie wieder zusammenführe – das ist offenbar der schnellste Weg zu einer Koordination, die auch unter Druck hält. In der RS-Piano-Akademie habe ich gelernt, ein Stück harmonisch zu lesen statt nur die Fingerposition zu merken, und seitdem sitzen Passagen deutlich zuverlässiger, weil ich weiß, warum ein Akkord dort steht und nicht nur, wie er sich anfühlt. Falls du selbst gerade überlegst, ob dir eine App oder ein strukturierter Kurs mehr bringt, hatte ich dazu mal einen längeren Vergleich geschrieben: Klavier lernen App vs. Online-Kurs.

Wo das Fingergedächtnis endet und der Kopf übernehmen muss

Tablet mit Online-Klavierkurs auf dem Notenständer eines Digitalpianos – Wiedereinstieg mit digitaler Unterstützung

Ein Plateau wie dieses fühlt sich meistens nicht nach Fortschritt an, eher nach Stillstand – dabei ist es oft genau das Signal, dass ein Stück den Sprung vom Lesen zum echten Auswendiglernen noch vor sich hat. Bei mir zeigt sich das fast immer an derselben Stelle: Sobald ich die Noten weglege, ist plötzlich Leere da, wo eben noch Musik war.

Auf dem Treppenabsatz fragte mich neulich Gisela Mähler, meine Nachbarin von oben, wie weit ich mit dem Menuett sei. Sie hat selbst jahrelang Querflöte gespielt und lächelte nur, als ich ihr von der Lücke zwischen Fingern und Kopf erzählte – als wüsste sie genau, wovon ich rede.

Ein Leser namens Albert Fenneberg hat mir vor einiger Zeit geschrieben, er übe auf dem alten Klavier seiner Tante an denselben Problemen, und beschrieb sein eigenes Gedächtnis selbstironisch als Sieb mit besonders großzügigen Löchern. Genau dieses Sich-selbst-nicht-so-ernst-Nehmen hilft vermutlich mehr als jede einzelne Übe-Strategie.

Und falls du noch nach Stücken suchst, die sich für den Anfang leichter auswendig lernen lassen als ein ganzes Bach-Menuett, habe ich hier eine Top-Liste mit leichten Stücken für den ersten Monat zusammengestellt. Für alle, die lieber einem festen Plan folgen als sich selbst eine Struktur zu bauen, gibt es außerdem Programme wie Keyboard X mit einem durchgezogenen Jahresplan – auch das kann helfen, wenn das eigene Gedächtnistraining zu chaotisch wird.

Am Ende läuft es für mich auf eine einfache Unterscheidung hinaus: Fingergedächtnis reicht, solange nichts mich ablenkt – ruhiger Abend, niemand hört zu, keine Störung von außen. Sobald aber ein Gedanke dazwischenfunkt, das Telefon klingelt oder jemand zuhört, wackelt alles, was nur in den Fingern sitzt. Für diese Momente braucht es das zweite System, das Kopfgedächtnis, das ein Stück auch dann noch trägt, wenn die Finger kurz aus dem Takt geraten. Beides zu trainieren, statt sich nur auf eines zu verlassen, ist vermutlich der eigentliche Punkt – nicht, möglichst schnell auswendig zu spielen, sondern beide Erinnerungen so weit zu bringen, dass sie sich im Ernstfall gegenseitig auffangen.

Verwandte Artikel