
Es war ein Sonntagabend im letzten Februar, draußen peitschte der Leipziger Regen gegen die Scheiben und ich saß eigentlich glücklich an meinem Digitalpiano. Ich versuchte mich an einer Passage aus meinem alten Notenheft von 1994 – ein Stück, das ich damals fast im Schlaf konnte – doch plötzlich ging nichts mehr. Ein stechender Schmerz schoss mir durch den Nacken bis in die Schläfen, so heftig, dass ich mitten im Takt aufhören musste.
Ich starrte auf die 88 schwarz-weißen Tasten und fühlte mich plötzlich gar nicht mehr wie die enthusiastische Wiedereinsteigerin, die sich zum 46. Geburtstag selbst beschenkt hatte. Eher wie eine rostige Schreibmaschine, bei der die Typen klemmen. Kennst du das auch? Dieser Moment, wenn der Kopf will, die Finger sich erinnern, aber der Körper laut „Stopp“ schreit?
Der Feind im Nacken: Wenn der Ehrgeiz verkrampft
Nach etwa drei Wochen täglichem Üben hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte das Chopin Nocturne unbedingt wieder flüssig hinkriegen. Aber je schwieriger die Läufe wurden, desto mehr passierte etwas Seltsames: Meine Schultern wanderten unaufhaltsam nach oben, fast so, als wollten sie meine Ohren vor den falschen Tönen schützen. Das ist das tückische am Wiedereinstieg nach über 25 Jahren Pause – wir konzentrieren uns so sehr auf die Noten, dass wir vergessen, dass wir noch einen restlichen Körper haben.
An jenem verregneten Sonntagabend wurde mir klar, dass ich mich völlig falsch positioniert hatte. Ein großes Problem in meiner kleinen Mietwohnung ist der Platz. Die Katze beansprucht beim Üben meistens die linke Hälfte der Klavierbank, und weil ich sie nicht wecken wollte, saß ich leicht schief. Eine klassische „Schildkröten-Haltung“: Den Kopf weit nach vorn zum Notenblatt geschoben, den Rücken steif wie ein Brett.

Das Geheimnis der richtigen Sitzhöhe
Ich habe dann erst einmal das Licht gedimmt und mich unter mein Klavier gekniet. Ich spürte das kühle Metall der Einstellschraube an der Klavierbank unter meinen Fingern, während ich die Höhe im Halbdunkel korrigierte. Wusstest du, dass die meisten mechanischen Klavierbänke einen Verstellbereich von etwa 48 bis 58 cm haben? Ich hatte meine viel zu tief eingestellt, weil ich dachte, das sei gemütlicher.
Die Faustregel, die ich dann mühsam wiederentdeckt habe: Wenn die Hände auf den Tasten liegen, sollten die Unterarme eine fast waagerechte Linie bilden oder nur ganz leicht abfallen. Wenn man zu tief sitzt, müssen die Schultern die Arme „hochhalten“, und genau da fängt das Elend im Nacken an. Seit ich die Bank zwei Zentimeter höher geschraubt habe, fühlen sich meine Arme schwerer an – im positiven Sinne, so als würde das Gewicht in die Tasten fließen, statt im Trapezmuskel hängen zu bleiben.
Oft hilft es auch, sich vorher kurz zu lockern. Ich mache jetzt immer ein paar Klavier Aufwärmübungen für steife Finger, bevor ich mich an die komplexen Sachen wage. Das bringt nicht nur die Gelenke in Schwung, sondern signalisiert dem ganzen Oberkörper: Wir machen jetzt Musik, wir gehen nicht in den Krieg.
Die Sache mit dem geraden Rücken – ein kleiner Irrtum
Hier kommt meine ganz persönliche Theorie, die vielleicht manchem Klavierlehrer die Haare zu Berge stehen lässt: Ich glaube, die ständige Konzentration auf eine kerzengerade, „perfekte“ Sitzhaltung verursacht oft mehr Verspannungen als alles andere. Wir versuchen, wie eine Statue zu sitzen, und blockieren damit die natürliche Atmung. Vor etwa einem Monat habe ich angefangen, einen bewussten, kontrollierten Rundrücken zuzulassen.
Nicht wie ein nasser Sack, versteh mich nicht falsch. Aber eine leichte Rundung der Wirbelsäule erlaubt es dem Oberkörper, dynamisch mitzugehen. Wenn ich mich bei einer lauten Passage leicht nach vorn lehne oder bei einem zarten Pianissimo zurücknehme, entlastet das die Nackenmuskulatur enorm. Die Wirbelsäule sollte wie eine Feder fungieren, nicht wie ein Stahlträger. Sobald ich die Schultern bewusst fallen lasse und der Nacken nachgibt, spüre ich oft ein warmes Kribbeln in den Fingerspitzen – ein Zeichen, dass das Blut wieder ungehindert fließen kann.
Besonders bei weiten Griffen ist das wichtig. Wer kleine Hände hat, neigt dazu, sich noch mehr zu versteifen. Ich habe dazu neulich erst über das Greifen von Oktaven ohne Schmerzen geschrieben, denn das ist genau so ein Moment, in dem der Nacken oft mit „hilft“, obwohl er gar nicht gefragt ist.
Kleine Pausen und die 440 Hz der Entspannung
Was mir auch hilft, ist das Bewusstsein für die Anspannung während der Pausen. Manchmal halte ich mitten im Üben inne, lasse die Arme einfach seitlich am Körper hängen und atme tief aus. Das Digitalpiano summt leise vor sich hin, vielleicht mit dem Kammerton 440 Hz im Hinterkopf, und ich checke kurz: Wo ist mein Kiefer? (Meistens zusammengepresst). Wo ist meine Zunge? (Am Gaumen festgesaugt).
Es ist faszinierend, wie sehr unser Kiefer mit dem Nacken zusammenhängt. Wenn ich beim Spielen die Zähne locker lasse, entspannt sich fast automatisch der Nacken. Das klingt jetzt vielleicht nach Esoterik, aber für mich als Verlagslektorin, die den ganzen Tag über Manuskripten brütet, ist das Klavier am Abend mein wichtigstes Werkzeug zur Rückenschule geworden – wenn ich es richtig mache.
Gestern Abend hat es dann endlich geklappt. Die Katze lag zwar wieder auf der Bank, aber ich habe mir meinen Platz erkämpft, die Schultern tief gelassen und einfach gespielt. Es war nicht perfekt, aber es war schmerzfrei. Und das ist im Moment eigentlich der größte Fortschritt, den ich mir wünschen kann. Die Musik fließt einfach besser, wenn man nicht gegen den eigenen Körper ankämpft.