
Der Zeigefinger der linken Hand landet wieder eine Taste zu tief, und aus dem satten Dur-Akkord wird auf einmal etwas Schiefes, das nach gar nichts klingt. Ich halte inne, nehme die Hand herunter und probiere es noch einmal – langsamer, bewusster.
Genau um solche Momente geht es in meinem Klavier-Tagebuch: nicht um die perfekte Aufnahme, sondern um das Ringen mit Akkorden, die ich als Kind einfach auswendig gespielt habe, ohne je zu fragen, warum sie so und nicht anders klingen. Als Wiedereinsteigerin am Klavier will ich die Harmonielehre diesmal wirklich verstehen – nicht nur Akkorde lernen, sondern begreifen, warum drei Töne zusammen plötzlich nach einem ganzen Satz klingen und nicht nur nach einem einzelnen Wort.
Akkorde verstehen: die Bausteine eines Dreiklangs
Ein Dreiklang besteht aus drei übereinandergestapelten Tönen, und das Prinzip dahinter ist simpler, als ich in der Schule je geglaubt hätte: Man nimmt einen Grundton, zählt zwei Terzen darüber, fertig ist der Akkord. Ob daraus Dur oder Moll wird, entscheidet nur, welche der beiden Terzen unten liegt – die größere oder die kleinere. Das genaue Erkennen dieser Terzen nach Gehör ist nochmal ein eigenes Handwerk für sich, aber allein zu wissen, dass ein C-Dur-Akkord aus C, E und G besteht, weil dort die große Terz unten sitzt, hat gereicht, um die Akkordsymbole in meinem alten Heft neu zu lesen.

Das Heft von 1994 sieht seitdem anders aus.
Der Quintenzirkel, den ich in der Schule nur für die nächste Arbeit auswendig gelernt habe, bekommt dadurch plötzlich einen Sinn: Er zeigt, warum bestimmte Akkorde in einem Stück immer wieder nebeneinander auftauchen, und aus einer stumpf gelernten Liste wird eine Landkarte mit Nachbarn.
Warum ist eine Kadenz wie ein ganzer Satz?
Eine Kadenz ist für mich als Lektorin die naheliegendste Analogie überhaupt: Die Tonika ist der Hauptsatz, die Subdominante ein Nebensatz, der etwas öffnet, und die Dominante ist die Frage, die unbedingt eine Antwort will. Erst wenn die Musik zur Tonika zurückkehrt, schließt sich der Satz – ungefähr so, wie ein Punkt eine lange, verschachtelte Formulierung beendet. Bei einer Bach-Invention, an der ich gerade sitze, wird das besonders deutlich: Kaum erkenne ich die I-IV-V-Verbindung im Notenbild, muss ich die einzelnen Töne nicht mehr entziffern, sondern sehe den ganzen Satz auf einmal.
Abends, wenn ich mit Kopfhörern übe, achte ich inzwischen mehr auf diese Kadenzen als auf die Lautstärke. Zwischen zwei Akkordwechseln ist es im Kopfhörer nie ganz still – ein hauchdünnes Rauschen bleibt, so leise, dass ich es früher nie bemerkt hätte. Klavier spielen mit Kopfhörern ist für mich als Wiedereinsteigerin ohnehin unverzichtbar, seit die Nachbarwohnung nebenan wieder öfter zu Hause ist.
Auf dem Heimweg über die Karl-Heine-Straße in Plagwitz spiele ich solche Wendungen manchmal schon im Kopf durch, lange bevor ich überhaupt an der Tür bin.
Diese Woche taucht eine Melodie auf, die ich nie bewusst gelernt habe
Vergangene Woche, in Woche sieben seit meinem Wiedereinstieg, blieb eine Kollegin an meinem Schreibtisch stehen, weil ich beim Korrekturlesen leise vor mich hin summte, und fragte, was das für eine Melodie sei. Ich musste kurz überlegen – und erst beim Vorsummen fiel mir auf, dass es das Menuett aus meinem alten Heft war, das ich inzwischen auswendig spiele, ohne es je bewusst gelernt zu haben.
Bruno aus dem Lektorat wollte danach genau wissen, wie viele Akkorde ein „richtiges“ Stück eigentlich braucht – eine Frage, die nur jemand stellt, der selbst unmusikalisch ist, aber ehrlich neugierig bleibt.
Genau dieses Wiedererkennen hilft mir inzwischen auch, wenn ich mich an leichte Klavierstücke für Wiedereinsteiger wage. Die immer gleiche Akkordfolge wiederzuerkennen fühlt sich an wie eine alte Handschrift zu entziffern, die ich als Kind auswendig kannte und komplett vergessen hatte – das Stück wirkt vertrauter, als es eigentlich sein dürfte.

Was in dieser Woche nicht geklappt hat
Nicht alles an diesem Weg zurück zum Klavier verlief so beschwingt. Vor einigen Monaten hatte ich mir einen Fingertechnik-Videokurs mit festen Hausaufgaben zugelegt, in der festen Überzeugung, feste Struktur würde mir helfen. Nach dem zweiten Modul bin ich einfach steckengeblieben – die Übungen fühlten sich an wie Pflichtlektüre, nicht wie Musik, und irgendwann habe ich die Kurs-Seite nicht mehr geöffnet.
Auch diese Woche lief nicht alles glatt: Bei einer Wendung von d-Moll nach A-Dur will mein kleiner Finger partout kein Cis treffen und landet stattdessen immer wieder auf dem C – winzig auf dem Papier, aber im Ohr ein kleiner Weltuntergang, und neben mir seufzt die Katze hörbar.
Was ich aus beidem mitnehme – dem Kurs, der im Sande verlief, und dem Cis, das sich weigert – ist eigentlich ziemlich einfach: Struktur von außen hilft mir nicht, wenn sie schneller sein will als mein eigenes Verstehen. Die Harmonielehre wird erst brauchbar, wenn ich sie mir in genau dem Tempo aneigne, in dem meine Finger und mein Ohr mitkommen, und nicht in dem Tempo, das ein Modul oder ein Lehrbuch vorgibt.
Der Dur-Akkord von vorhin klappt inzwischen übrigens sauber – warm, satt, genau richtig platziert. Eine kleine Sache, aber für diese Woche reicht sie mir völlig.