Mein Klavierweg

Klavierspielen als Gedächtnistraining für Wiedereinsteiger im Alter von 40 plus

Klavierspielen als Gedächtnistraining für Wiedereinsteiger im Alter von 40 plus – Digitalpiano im Wohnzimmer mit aufgeschlagenem Notenheft

Zwanzig Takte des Menuetts in G-Dur konnte ich neulich spielen, ohne einen einzigen davon bewusst gelernt zu haben – das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie unterschiedlich Gedächtnistraining am Klavier eigentlich funktioniert. Meine Kollegin und ich liefen die Karl-Heine-Straße entlang, sie fragte nach der Melodie, die ich am Vortag offenbar vor mich hin gesummt hatte, und ich merkte beim Antworten, dass meine Finger die Töne kannten, bevor mein Kopf sie überhaupt benennen konnte.

Kein Nachdenken, kein Zögern, die Finger wussten es einfach schon.

Bevor ich weiterschreibe, kurz der Pflichthinweis: In diesem Text stecken Affiliate-Links zu Kursen, die tatsächlich bei mir auf dem Notenständer oder im Browser-Tab landen. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass du mehr bezahlst. Ich verlinke nur, was ich selbst ausprobiert habe.

Gedächtnistraining ab 40: Zwei Wege zum selben Stück

Genau darüber denke ich seitdem nach: Es gibt offenbar zwei ziemlich unterschiedliche Wege, ein Stück im Kopf – und in den Fingern – zu verankern, und ich übe inzwischen beide, ohne mich für einen entscheiden zu müssen. Der eine ist bewusst, mühsam, fast schulisch. Der andere passiert einfach nebenbei, während man eigentlich an etwas ganz anderem arbeitet.

Klavierspielen fordert dabei ohnehin beide Gehirnhälften gleichzeitig – man aktiviert die Neuroplastizität, und das Corpus callosum, die Brücke zwischen den Hemisphären, muss bei jedem neuen Stück Schwerstarbeit leisten. Für kognitive Fitness im Alter 40 plus ist genau dieser Wechsel zwischen den beiden Lernwegen vermutlich wertvoller, als stur nur eine Methode durchzuziehen.

Nahaufnahme von Händen einer Frau beim Klavierspielen in warmem Licht – Fingerfertigkeit beim Klavier-Wiedereinstieg trainieren

Bewusstes Einprägen: Takt für Takt, bis es sitzt

Bewusstes Einprägen bedeutet bei mir: eine Phrase von vier oder acht Takten nehmen, jede Hand einzeln durchgehen, langsam, fast quälend langsam, bis kein Finger mehr zögert. Erst wenn beide Hände die Passage getrennt sicher können, kommt das Metronom dazu, und erst danach setze ich sie zusammen.

Zwischen den Tonleitern mit festem Fingersatz und dem Erkennen von Intervallen – eine Terz von einer Quart auseinanderzuhalten, ohne lange nachzudenken – liegt für mich der eigentliche Unterschied zwischen Anfänger- und Wiedereinsteiger-Übung. Für die Stücke, die ich bewusst auswendig lerne, reserviere ich inzwischen feste Abschnitte am Abend, in denen sonst nichts anderes passiert.

Einmal habe ich mich für einen Klavierkreis im Kulturzentrum angemeldet, in der festen Absicht, dort mit anderen zusammen zu üben und mich zu verpflichten. Hingegangen bin ich nie – der Gedanke, vor fremden Leuten zu spielen, bevor ich mir selbst über meine Finger sicher bin, hat mich jedes Mal wieder abgeschreckt. Bewusstes Üben funktioniert bei mir offenbar nur allein, an meinem Digitalpiano zwischen Bücherregal und Fensterrahmen, mit den Kopfhörern am Notenständer und dem Stapel vergilbter Hefte aus den Neunzigern auf dem Fensterbrett.

Ohne bewusstes Üben

Anders läuft es bei Stücken, die ich einfach oft genug spiele, ohne mir vorzunehmen, sie auswendig zu lernen. Das Menuett gehört dazu. Ich habe es nie gezielt eingeprägt, sondern einfach x-mal durchgespielt, während die Katze auf ihrer plattgelegenen Decke am Bankende döste, und irgendwann waren die Noten überflüssig.

So wie man nach Jahren wieder aufs Rad steigt, ohne das Gleichgewicht neu zu lernen, oder die eigene Handschrift auch nach langer Pause sofort wiedererkennt, scheint beiläufiges Verinnerlichen tiefer zu sitzen als bewusst Gepauktes. Die Übungen zur Unabhängigkeit beider Hände profitieren davon besonders – die linke Hand muss irgendwann aufhören, ständig zu fragen, was die rechte gerade tut. Auch der Anschlag, also wie hart oder weich ein Ton klingt, und der saubere Umgang mit dem Pedal entwickeln sich bei mir eher nebenbei als durch bewusstes Pauken – genau wie die Fähigkeit, die Handgelenke locker zu lassen, statt sie zu verkrampfen.

Meine Nachbarin Gisela Mähler, die ich seit Jahren auf dem Treppenabsatz treffe, hat mir neulich einen Zeitungsartikel über Erwachsene mitgebracht, die spät im Leben ein Instrument wiederentdecken. Sie meinte, genau das würde bei mir ja gerade passieren, und ich musste zugeben, dass beiläufiges Üben sich für mich manchmal ehrlicher anfühlt als jeder Plan.

Struktur reinholen, ohne die Freude zu verlieren

Struktur brauche ich trotzdem, gerade für die bewusste Seite des Übens. Harmonielehre und der Quintenzirkel gehören für mich zu den Baustellen, die ich bislang eher streife als wirklich bearbeite, genauso wie mentales Üben ganz ohne Klavier, in der Bahn, in Meetings, im Kopf durchgehen, was die Finger als Nächstes tun sollen. Etüden fühlen sich dabei anders an als das Wiederaufnehmen alter Repertoire-Stücke, und Plateaus, in denen sich tagelang nichts bewegt, gehören ganz selbstverständlich dazu.

Dort, wo ich diese Struktur am ehesten finde, ist die RS-Piano-Akademie – kein Kurs für schnelle Popsongs, sondern ein eher akademischer Aufbau, der mich zwingt, Dinge wirklich zu verstehen statt sie nur nachzuspielen. Für das bewusste Einprägen, das Takt-für-Takt-Arbeiten, ist das bislang das Werkzeug, das am besten zu mir passt.

Ein altes, vergilbtes Notenheft von Bach auf einem Notenständer – Gedächtnistraining ab 40 mit vertrauten Stücken

Wer lieber einen festen Jahresplan möchte, findet bei Keyboard X einen durchstrukturierten 52-Wochen-Aufbau – für mich persönlich fast zu starr, aber für alle, die genau wissen wollen, was als Nächstes drankommt, eine ernsthafte Option. Und wer erst einmal unverbindlich testen will, ob die Finger überhaupt noch mitmachen, kommt über meineMusikschule Klavier günstig rein, bevor größere Entscheidungen anstehen.

Auch mein Leser Albert Fenneberg, der mir nach einem früheren Tagebucheintrag geschrieben hat, kämpft vor allem mit dem Blattspiel – dem Vom-Blatt-Lesen ohne vorheriges Einüben. Er beschreibt das ehrlicher als die meisten, und sein Ringen damit erinnert mich daran, dass Notenlesen eben nie ganz beiläufig wird: Es bleibt bewusste Arbeit, egal wie geübt man schon ist.

Blick auf ein Digitalpiano mit 88 Tasten und einem Online-Kurs im Hintergrund – Digitalpiano lernen für Wiedereinsteiger

Am Ende entscheidet das Stück, nicht die Methode

Am Ende, glaube ich, ist die Frage gar nicht, welcher Weg der bessere ist, sondern welcher gerade zum Stück passt. Bewusstes Einprägen brauche ich immer dann, wenn etwas komplett neu ist oder wenn beide Hände etwas Unterschiedliches tun sollen und keine Abkürzung erlaubt ist. Beiläufiges Verinnerlichen funktioniert dagegen bei Stücken, die ich längst kenne und einfach oft genug spiele, ohne mich selbst dabei zu beobachten.

Für mich persönlich heißt das: neue, kniffligere Stücke bekommen die volle bewusste Aufmerksamkeit, während vertraute Stücke wie das Menuett einfach mitlaufen dürfen, bis sie sich von selbst festsetzen. Beides zusammen – nicht das eine gegen das andere – ist für mich inzwischen das eigentliche Gedächtnistraining am Klavier.

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