Mein Klavierweg

Oktaven am Klavier greifen ohne Schmerzen mit Übungen für kleine Hände

Der Kunststoff der Tasten fühlt sich kühl an unter den Fingerspitzen, kaum dass ich mich nach einem langen Tag im Verlag hingesetzt habe, und schon merke ich: Daumen und kleiner Finger liegen auf der Oktave, aber die Handfläche brennt schon nach wenigen Takten. Kleine Hände und eine volle Oktave – das ist offenbar keine Frage von mehr Übung allein, sondern von Technik. Seit meinem Wiedereinstieg vergleiche ich ständig zwei Wege, wie ich mit dieser Ergonomie klarkomme, und die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein.

Kleine Hände, große Oktaven

Handschuhgröße 7, mehr ist bei mir nicht drin. Für Manuskripte und Rotstifte reicht das locker, für eine Oktave auf einer normalen Klaviatur wird es eng. Wie viele Millimeter genau zwischen Daumen und kleinem Finger fehlen, will ich hier gar nicht durchrechnen – das haben andere schon besser gemacht als ich. Für mich zählt nur: Die Spanne ist da, oder sie ist es nicht, und bei mir ist sie es meistens nicht ganz.

Am Anfang habe ich reagiert, wie ich als Achtzehnjährige reagiert hätte: mehr dehnen, fester greifen, durchziehen. Mit 46 antworten die Sehnen darauf anders. Nach ein paar Tagen dieser Brechstangen-Methode hatte ich ein Ziehen im Handrücken, das mich für mehrere Tage komplett vom Üben abgehalten hat. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Kraft allein die kleine Hand nicht größer macht.

Kraft oder Rotation: Welcher Ansatz hilft wirklich?

Ansatz eins, nennen wir ihn die Kraftvariante: Hand starr wie eine Klaue aufspannen, Daumen und kleinen Finger auf Position pressen und die Spannung halten, bis der Akkord vorbei ist. Er funktioniert kurzfristig, bei einem einzelnen, kräftigen Oktavschlag. Für alles, was länger als ein paar Takte dauert, wird er zur Zerreißprobe für Sehnen, die das seit Jahrzehnten nicht mehr gewohnt sind.

Die Rotation dagegen setzt auf ein lockeres Handgelenk, das sich minimal in Richtung des kleinen Fingers kippt, während der Unterarm das Gewicht trägt statt der Finger allein. Es fühlt sich an wie eine klemmende Fahrradkette, die erst mit der richtigen Drehung wieder leise läuft, nicht mit mehr Kraft auf dem Pedal. Wie man das Handgelenk grundsätzlich locker hält, ist noch mal ein eigenes Thema für sich, aber bei Oktaven zeigt sich der Unterschied sofort: weniger Druck, mehr Bewegung, kein Ziehen mehr nach zehn Minuten.

Der Haken an der Rotation: Sie braucht länger, bis sie sitzt, und bei sehr schnellen, kurz angeschlagenen Oktavfolgen reicht die Zeit für die Drehung manchmal einfach nicht. Da hilft dann kurzzeitig doch wieder etwas von der alten Kraftvariante – nur bewusster dosiert.

Die Brücken-Übung als Mittelweg

Aus beiden Ansätzen ist bei mir eine Übung entstanden, die ich für mich die Brücken-Übung nenne. Daumen und kleiner Finger legen sich auf die Oktave, ohne sie herunterzudrücken, nur die Form einer stabilen Brücke bilden. Dann bewegt sich das Handgelenk langsam auf und ab, während die Fingerspitzen die Tasten kaum berühren. In meinem Beitrag zur Handhaltung am Klavier für Wiedereinsteiger bin ich auf die Lockerheit der Finger schon eingegangen, bei Oktaven ist sie aber die Grundvoraussetzung, nicht nur ein netter Nebeneffekt.

Der Daumen ist dabei mein größtes Sorgenkind. Er verkrampft als Erster, also lerne ich, ihn zwischen zwei Anschlägen für einen Sekundenbruchteil bewusst loszulassen. Bei Oktaven auf schwarzen Tasten nehme ich inzwischen manchmal den vierten statt des fünften Fingers – ungewohnt im ersten Moment, aber die Außenkante der Hand dankt es mir. Und oft übe ich die Abstände stumm, ohne überhaupt einen Ton zu erzeugen, nur um die Position zu finden, ganz ohne Druck. In meiner Top-Liste für den ersten Monat stehen bewusst Stücke ohne solche Sprünge, aber irgendwann will man den vollen Klang, und den gibt es nur mit Oktaven.

An diesem Abend versagen beide Techniken

Nicht jeder Versuch gelingt. Vor einem Grieg-Stück mit weiten Sprüngen in der linken Hand hatte ich einen Abend, an dem weder Kraft noch Rotation etwas gebracht haben – die Finger fühlten sich an wie Blei, ich traf ständig die Nachbartasten, und irgendwann habe ich den Deckel fast zugeklappt.

Erika aus unserer Musikrunde in Plagwitz hätte jetzt vermutlich trocken gesagt, ich sei einfach zu ungeduldig gewesen – ihre Metronom-Disziplin bewundere ich, so ehrlich muss ich sein, und beneide sie ein bisschen darum. Einen ganz ähnlichen Frust hatte ich schon einmal mit einem Fingertechnik-Videokurs, der Hausaufgaben zwischen den Modulen vorsah. Nach dem zweiten Modul bin ich hängengeblieben, weil mir die Übungen ohne echte Rückmeldung einfach zu abstrakt wurden.

Am Sonntagabend, wenn ich die Klappe irgendwann schließe, bleibt in den Händen eine ruhige Müdigkeit zurück, ähnlich wie nach einem langen Spaziergang durch die Südvorstadt, die Hohe Straße entlang, wenn die Beine noch spüren, aber nichts mehr richtig wehtut.

So entscheide ich mich zwischen Kraft und Rotation

Meine Faustregel inzwischen: Bei ruhigen, gehaltenen Oktaven, wie in langsamen Passagen, nehme ich die Brücken-Übung und die Rotation, weil ich Zeit für die Bewegung habe. Bei sehr schnellen, kurzen Oktavsprüngen, wo keine Zeit für eine große Drehung bleibt, erlaube ich mir die Kraftvariante – aber bewusst dosiert und nie länger als ein paar Takte am Stück.

Beide Hände dabei wirklich unabhängig voneinander zu koordinieren ist noch mal eine eigene Baustelle, die ich hier gar nicht erst aufmache. Genauso wenig wie die Frage, ob man das Ganze lieber mit Etüden oder direkt am Stück übt – auch das ist ein eigenes Thema. Was das Muskelgedächtnis angeht, nach Jahrzehnten Pause wieder aufzubauen: Auch das ist eine andere Geschichte.

Wenn du gerade selbst mit dem richtigen Fingersatz oder mit ähnlichen Fragen zur Ergonomie kämpfst: Kleine Hände sind kein Hindernis, das man wegtrainiert, sondern eine Bedingung, für die man die passende Technik wählt. Kraft oder Rotation – die Entscheidung liegt am Ende bei der Stelle, nicht bei der Hand.

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