
Kalter Kunststoff unter der Fußsohle, kein Widerstand, kein spürbares Einrasten – wer zum ersten Mal auf das mittlere Pedal eines E-Pianos tritt, merkt vor allem eins: Zwischen den beiden vertrauten Pedalen rechts und links fühlt sich dieses hier an wie ein Fremdkörper. Genau das ist der Grund, warum das Sostenuto-Pedal beim Wiedereinstieg ins Klavierspiel meist am längsten ignoriert wird – man übt jahrelang mit zwei von drei Pedalen und lässt das dritte einfach unter dem Gehäuse verstauben.
Ein Leser namens Albert Fenneberg hat mir genau diese Frage gestellt, nachdem er meinen allerersten Tagebucheintrag gelesen hatte. Er übt jeden Morgen vor der Arbeit auf dem Klavier, das er von seiner Tante geerbt hat, und wollte wissen, wofür das mittlere der drei Pedale an einem E-Piano überhaupt taugt – bei ihm passiert beim Drauftreten erst einmal gar nichts Hörbares. Diese Frage verdient eine ordentliche Antwort, keine Randnotiz.

Sostenuto, Sustain und Leisetaste: drei Pedale, drei Aufgaben
Rechts sitzt das Sustain-Pedal, das schlicht alle Dämpfer von sämtlichen Saiten hebt und jeden angeschlagenen Ton nachklingen lässt, egal welchen. Links liegt die alte „Leisetaste", bei akustischen Klavieren ein Filzstreifen, der sich zwischen Hämmer und Saiten schiebt und den Ton dumpfer macht. Genau in der Mitte, zwischen diesen beiden bekannten Werkzeugen, sitzt das Sostenuto-Pedal, und das arbeitet völlig anders als seine beiden Nachbarn. Es hält ausschließlich die Töne nach, die man in dem exakten Moment gedrückt hält, in dem der Fuß das Pedal antritt. Alles, was danach gespielt wird, bleibt kurz und trocken, selbst wenn man weiterhin auf dem Pedal steht.
Von den 88 Tasten unter dem Notenpult wird gerade dieses eine Pedal am seltensten benutzt, und das liegt nicht an mangelnder Nützlichkeit, sondern an fehlendem Verständnis. Wer als Kind nur mit dem rechten Pedal groß geworden ist, hat schlicht nie gelernt, wofür das mittlere überhaupt gedacht war.
Digitale Pianos simulieren einen Konzertflügel, keinen Moderator
Kinderklaviere und viele gebrauchte akustische Instrumente kennen das mittlere Pedal oft nur als Übe-Dämpfer, nicht als echtes Sostenuto. Moderne E-Pianos orientieren sich dagegen am Konzertflügel, wo das mittlere Pedal von Anfang an diese selektive Funktion hatte. Damit das im Inneren des Instruments funktioniert, ganz ohne echte Dämpfer und echte Saiten, arbeitet die Software nach demselben Prinzip wie bei der Anschlagsdynamik: Über MIDI 1.0 wird erfasst, welche Taste in welchem Moment unten ist, und genau diese Note wird künstlich verlängert, während alle anderen ganz normal abklingen.
Bei mir hat der erste Versuch schlicht nicht funktioniert. Ich bin zu früh auf das Pedal getreten, noch bevor der Basston richtig unten war, und die Elektronik hat schlicht nichts gefangen – der Ton verschwand wie jeder andere auch. Erst als ich die Reihenfolge bewusst verlangsamt habe, Taste drücken, halten, dann erst den Fuß senken, hat das Instrument den Ton tatsächlich isoliert. Diese Verzögerung sauber hinzubekommen ist eine Frage der Koordination zwischen Fuß und Fingern, ähnlich der Unabhängigkeit, die auch beide Hände beim Zusammenspiel brauchen.
So setzt du den Fuß richtig aufs mittlere Pedal am E-Piano
Die Reihenfolge ist der ganze Trick: erst die Taste oder den Akkord anschlagen und mit den Fingern halten, dann erst das Pedal treten, und frühestens danach die Finger lösen. Wird das Pedal zu spät getreten, ist der Ton bereits verklungen und es gibt nichts mehr zu halten. Wird es zu früh getreten, bevor die Taste überhaupt unten ist, bleibt gar nichts hängen. Zwischen diesen beiden Fehlern liegt ein Fenster von vielleicht einer halben Sekunde, und genau dieses Fenster zu treffen wird mit Wiederholung fast automatisch – ein Stück des Muskelgedächtnisses, das beim Wiedereinstieg ohnehin komplett neu aufgebaut werden muss.
Ein gutes Übungsfeld dafür sind Passagen bei Claude_Debussy, wo ein tiefer Basston wie ein Orgelpunkt liegen bleiben soll, während darüber leichte, kurze Akkorde vorbeiziehen. Mit dem rechten Pedal verschwimmt das Ganze zu einem Klangbrei, ganz ohne Pedal klingt es trocken und abgehackt. Genau für solche Stellen, und eigentlich nur dafür, ist das mittlere Pedal gemacht.

Das Sostenuto-Pedal: Wann es sinnvoll ist
Im Alltag am Klavier kommt dieses Pedal seltener zum Einsatz als die anderen beiden. Sinnvoll wird es dort, wo ein einzelner Basston oder ein liegender Akkord unter beweglicheren Linien stehen bleiben soll, ohne dass diese Linien selbst verschwimmen. Bei den meisten Übungsstücken für Wiedereinsteiger, bei Menuetten, kleinen Präludien oder Inventionen, kommt diese Situation kaum vor – dort reicht das rechte Pedal oder gar keins.
Ob der Tritt tatsächlich sauber sitzt, hört man oft besser auf einer Aufnahme als im eigenen Ohr am Instrument, weil man beim Spielen selbst zu sehr mit der Koordination beschäftigt ist. Wer die Phrasierung insgesamt verbessern will, findet in meinem Beitrag über Klavier Phrasierung und Artikulation verbessern mehr dazu, wie man Übergänge auch ganz ohne Pedal sauber hinbekommt.
Der Unterschied zwischen Pedal-Trick und echter Phrasierung
Verlockend ist das Sostenuto-Pedal vor allem dann, wenn die Finger eigentlich noch nicht bereit sind. Wer eine Taste nicht lange genug hält oder im vierten und fünften Finger noch nicht genug Kraft hat, kann versucht sein, das Pedal als Ersatz einzusetzen statt als Ergänzung. Mit allen 88 Tasten und drei Pedalen fühlt sich ein Instrument zwar komplett an, aber komplett heißt nicht, dass jeder Teil gleich oft gebraucht wird. Sauberes Legato in den Fingern selbst zu erarbeiten bleibt die eigentliche Aufgabe, der Fuß kann sie unterstützen, aber nicht ersetzen – wie ein Ton klingt, entscheidet sich meistens, bevor das Pedal überhaupt ins Spiel kommt.
An meinem Kindheitsklavier war die linke, nicht die mittlere Pedaltaste mein bester Freund – ein Filzstreifen zwischen Hämmern und Saiten, gedacht, um niemanden im Haus zu stören. Meine Nachbarin Gisela, die über mir wohnt, hat mir längst mehrfach versichert, dass durchs Parkett ohnehin kaum etwas zu hören ist, Kopfhörer hin oder her. Die alten Noten von 1994 trage ich mittlerweile parallel auf dem Tablet mit, seit ich angefangen habe, Klaviernoten auf dem Tablet zu nutzen, mit Fingersätzen und kleinen Pedalmarkierungen direkt in der Datei.
Barockmusik am Klavier braucht ohnehin selten alle drei Pedale gleichzeitig, und gerade deshalb schätze ich an der Barockmusik am Klavier diese Klarheit, bei der fast ausschließlich die Finger die Phrasierung tragen.

Man kann die Fußbewegung sogar im Kopf durchgehen, bevor man überhaupt am Instrument sitzt – das hilft manchmal mehr als zehn weitere Wiederholungen an den Tasten selbst. Genauso wichtig ist ein lockeres Fußgelenk statt eines verkrampften Tritts, sonst wird aus einem präzisen Moment schnell ein hartes Antreten, das man im Klang deutlich hört. Die Katze beobachtet den linken Fuß bei jedem Versuch weiterhin mit spürbarem Misstrauen, was vermutlich das ehrlichste Feedback ist, das man zu diesem Thema bekommen kann.
Albert hat inzwischen zurückgeschrieben, dass die Reihenfolge Taste-erst-dann-Pedal bei ihm auf Anhieb besser funktioniert hat als erwartet. Das mittlere Pedal bleibt trotzdem ein Werkzeug für seltene Momente, keine Standardzutat für jedes Stück – aber genau deshalb lohnt es sich, einmal zu verstehen, wie es wirklich arbeitet, bevor man es wieder unter dem Gehäuse vergisst.