
Draußen peitscht der Leipziger Spätsommerregen gegen die hohen Fenster meiner Altbauwohnung, und ich sitze hier, den Rücken leicht gebeugt, während meine Katze es sich auf dem restlichen freien Platz der Klavierbank gemütlich gemacht hat. Es ist ein verregneter Sonntagabend im August, einer dieser Momente, in denen die Welt draußen im Grau versinkt und ich mich frage, warum ich eigentlich erst mit 46 wieder angefangen habe, die Tasten zu drücken. Auf meinem digitalen Klavier, das ich mir Anfang 2024 zum Geburtstag gegönnt habe, liegen meine alten Noten von 1994 – die Ränder sind gelb, die Ecken abgestoßen, aber der Geruch von altem Papier und Kindheitsträumen hängt immer noch darin. Heute Abend habe ich zum ersten Mal seit Monaten den Blick nach unten gewendet, weg von den 88 Tasten, hin zu den drei Pedalen. Und da war sie wieder, die große Unbekannte: die Mitte.
In meiner Kindheit, an diesem klapprigen Klavier in meinem Elternhaus, war das mittlere Pedal mein bester Freund, aber aus den völlig falschen Gründen. Es war die „Leisetaste“. Man trat es, schob es nach links in die Kerbe, und ein dicker Filzstreifen senkte sich zwischen Hämmer und Saiten. Der Klang wurde dumpf, watteartig – perfekt, um die Nachbarn nicht in den Wahnsinn zu treiben, während ich mühsam meine Etüden durchkaute. Als ich neulich an meinem neuen E-Piano den Fuß dorthin setzte, erwartete ich instinktiv diesen Filz-Effekt. Aber nichts passierte. Mein digitales Klavier simuliert nämlich keinen Moderator, sondern einen Konzertflügel. Und der hat dort das Sostenuto-Pedal. Ein Wort, das nach italienischem Sommer und komplizierter Technik klingt, vor der ich mich bisher diskret gedrückt habe.

Das Sostenuto-Mysterium: Was macht dieses Pedal eigentlich?
Ich erinnere mich an eine Klavierstunde im Jahr 1994, kurz vor meinem Abitur. Meine Lehrerin erwähnte das Wort „Sostenuto“ nur am Rande. Ich frage mich heute oft, ob sie es mir damals einfach nicht erklärt hat, weil sie genau wusste, dass unser Klavier zu Hause gar keine echte Sostenuto-Funktion besaß. Für eine 18-Jährige, die kurz davor stand, das Klavierspielen für fast drei Jahrzehnte an den Nagel zu hängen, war das rechte Pedal – das Sustain-Pedal – sowieso das einzige, das zählte. Es übertünchte so herrlich alle Unsicherheiten und ließ alles nach großem Drama klingen.
Das Sostenuto-Pedal ist jedoch ein chirurgisches Instrument, kein Breitband-Effekt. Während das rechte Pedal alle Dämpfer von den Saiten hebt und alles nachklingen lässt, was man spielt, ist das mittlere Pedal wählerisch. Es hält nur die Töne, die man in genau dem Moment gedrückt hält, in dem man das Pedal tritt. Alle Noten, die man danach spielt, bleiben kurz und trocken – es sei denn, man hält sie mit den Fingern oder nutzt zusätzlich das rechte Pedal. Es ist, als würde man einen kleinen Teil der Zeit einfrieren, während der Rest der Welt (oder des Stücks) munter weiterläuft.
Bei modernen digitalen Klavieren wird dieser mechanische Vorgang über den MIDI 1.0 Standard und komplexe Algorithmen simuliert. Es gibt keine echten Dämpfer, die angehoben werden, aber die Software weiß genau: „Ah, sie hält gerade das tiefe C, jetzt tritt sie das mittlere Pedal – dieses C lassen wir jetzt klingen, egal was passiert.“ Es ist faszinierend und gleichzeitig wahnsinnig einschüchternd für jemanden, der gerade erst wieder lernt, seine Finger einigermaßen unabhängig voneinander zu bewegen.
Ein Experiment mit Debussy und kalten Füßen
Mitte September, während einer ruhigen Stunde nach der Arbeit im Verlag, habe ich es dann gewagt. Ich suchte in meinem alten Notenheft nach etwas, das dieses Pedal rechtfertigen würde. Ich stieß auf einen Durchgang bei Claude_Debussy. Es gibt dort Passagen, in denen ein tiefer Basston wie ein Orgelpunkt stehen bleiben soll, während darüber zarte, flüchtige Akkorde tanzen. Wenn ich hier das rechte Pedal nutze, vermatscht alles zu einem klanglichen Eintopf. Ohne Pedal klingt es zu trocken, fast schon klinisch.
Also der Versuch: Linken Fuß aufs Sostenuto. Der erste Kontakt war seltsam. Das kalte, leicht widerständige Metall des mittleren Pedals unter meiner Socke fühlte sich viel steifer an als das wohlvertraute, fast schon ausgeleierte Sustain-Pedal rechts. Es war, als müsste ich eine fremde Sprache sprechen, von der ich nur drei Vokabeln kenne. Der Ablauf ist tückisch: Man muss den Basston erst anschlagen, ihn halten, dann das Pedal treten und erst danach den Finger vom Basston lösen. Wenn man zu schnell tritt, passiert gar nichts. Wenn man zu langsam ist, ist der Ton schon weg.

Nach etwa drei Wochen täglichen Übens – oder zumindest des Versuchs – merke ich, wie meine Koordination an ihre Grenzen stößt. Meine Katze beobachtet meinen linken Fuß dabei mit intensiver Skepsis. Jedes Mal, wenn ich versuche, den Rhythmus zwischen Hand und Fuß zu synchronisieren, zuckt ihr Schwanz. Es ist ein wenig wie Fahrradfahren nach zwanzig Jahren: Man weiß theoretisch, wie es geht, aber der Körper traut der Sache noch nicht ganz. Ich habe letzte Woche sogar eine Übungseinheit frustriert abgebrochen, weil ich es einfach nicht geschafft habe, diesen einen tiefen Akkord zu „fangen“, ohne die folgenden Staccato-Noten mit in den Pedalsumpf zu ziehen.
Die Gefahr der elektronischen Bequemlichkeit
Hier kommt ein Punkt, den ich erst jetzt, mit 46 und einer gewissen Altersmilde (oder vielleicht auch nur Realismus), verstehe. Mein E-Piano ist ein technisches Wunderwerk. Es hat Sensoren für alles, simuliert Saitenresonanzen und bietet mir dieses perfekte Sostenuto. Aber ich merke auch, wie verlockend es ist, technische Mängel durch die Pedale zu kaschieren. Früher habe ich das rechte Pedal genutzt, um unsaubere Übergänge zu verstecken. Heute ertappe ich mich dabei, wie ich hoffe, dass das Sostenuto-Pedal mir die Arbeit abnimmt, die eigentlich meine Finger leisten sollten.
Ein echtes, sauberes Legato zu spielen, ist eine Kunst für sich. Manchmal ist das mittlere Pedal eine Ausrede dafür, dass man die Tasten nicht lange genug hält oder die Fingerkraft nicht ausreicht. Ich habe mir vorgenommen, Stücke erst einmal komplett ohne Pedale zu lernen. Erst wenn die Phrasierung in den Fingern sitzt, darf der Fuß mitmischen. In einem meiner letzten Einträge habe ich darüber geschrieben, wie man die Klavier Phrasierung und Artikulation verbessern kann, ohne sich auf technische Hilfsmittel zu verlassen – das ist momentan meine größte Baustelle.
Das Sostenuto-Pedal am E-Piano: Ein Fazit für Wiedereinsteiger
Letzten Dienstagabend passierte dann etwas Unerwartetes. Ich spielte eine kleine Passage, ganz konzentriert, und plötzlich rastete es ein. Der tiefe Basston blieb stehen, klar und deutlich, während die oberen Noten wie kleine Wassertropfen darüber perlten, ohne zu verschwimmen. Es war nur ein Moment, vielleicht fünf Sekunden lang, aber es fühlte sich „richtig“ an. Es fühlte sich an wie das Klavierspielen, das ich als Kind immer im Radio gehört und nie ganz verstanden habe.
Für uns Wiedereinsteiger ist das mittlere Pedal oft das letzte Puzzleteil. Wir haben die 88 Tasten, wir haben unseren mühsam wiedergewonnenen Rhythmus, und wir haben die drei Pedale unter dem Gehäuse. Dass wir am E-Piano heute Funktionen haben, die früher nur teuren Konzertflügeln vorbehalten waren, ist ein Privileg, das ich jetzt erst zu schätzen lerne. Auch wenn ich meine alten Noten oft noch mit dem Tablet ergänze (ich habe angefangen, meine Klaviernoten auf dem Tablet zu nutzen, um das Chaos zu bändigen), bleibt das Gefühl unter dem Fuß doch sehr analog und echt.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion des Wiedereinstiegs: Man muss nicht alles auf einmal können. Man darf sich Zeit lassen, das mittlere Pedal erst einmal nur anzustarren, bevor man es benutzt. Man darf Fehler machen, man darf koordinativ scheitern und man darf sich darüber wundern, wie viel Technik in diesem Holzkasten (oder Kunststoffkasten) steckt. Das Sostenuto-Pedal wird nie mein meistgenutztes Werkzeug sein – dafür liebe ich die Klarheit der Barockmusik am Klavier viel zu sehr, wo man ohnehin sehr sparsam mit dem Fuß arbeitet.
Aber es zu haben, gibt mir das Gefühl, dass mein Instrument komplett ist. Dass ich, wenn ich irgendwann einmal gut genug bin, all diese Möglichkeiten ausschöpfen kann. Bis dahin übe ich weiter, während die Katze auf der Bank schnurrt und der Regen gegen die Scheiben trommelt. Es ist ein langsamer Prozess, dieses Zurückkehren zur Musik. Aber jeder Tritt auf das „unbekannte“ Pedal bringt mich ein Stück näher an die Frau, die ich mit 18 sein wollte – und die ich mit 46 endlich sein darf: eine Klavierspielerin, die keine Angst mehr vor der Technik hat.