Mein Klavierweg

Klavier üben mit Metronom: Rhythmusgefühl verbessern für Wiedereinsteiger

Klavier üben mit Metronom: Rhythmusgefühl trainieren beim Wiedereinstieg – Digitalpiano in der Wohnzimmerecke

Soll das Metronom vom ersten Ton an mitlaufen, oder verdirbt der Klick am Anfang mehr, als er später hilft? Wer beim Wiedereinstieg wieder Klavier lernen und sein Rhythmusgefühl trainieren will, stößt früher oder später genau auf diese Frage, und ob man von der ersten Minute an mit dem Metronom übt oder erst, wenn die Töne einigermaßen sitzen, entscheidet mehr über den Fortschritt, als die meisten am Anfang glauben.

Ein Leser, Albert Fenneberg, der auf dem alten Klavier seiner Tante übt und offenbar ein sehr ähnliches Projekt verfolgt wie ich, hat mir genau diese Frage vor Kurzem geschrieben. Er übt jeden Morgen vor der Arbeit, konsequent, und wollte wissen, ob er den Klick sofort dazuschalten soll oder besser wartet. Zwei Herangehensweisen stehen sich hier gegenüber, und beide haben etwas für sich.

Technisch gesehen ist ein Metronom zunächst nur ein monotones, unspektakuläres Ding, ein Gerät, das einen gleichmäßigen Puls hörbar macht, mehr nicht. Die Skala reicht klassischerweise von 40 bis 208 Schlägen pro Minute, eine Einteilung, die auf Johann Nepomuk Mälzel zurückgeht, der das Gerät im frühen 19. Jahrhundert bekannt gemacht hat. Über das Wie der Nutzung sagt diese Geschichte nichts, und genau da beginnt die eigentliche Abwägung.

Zwei Wege zum gleichen Rhythmusgefühl

Die erste Herangehensweise ist die direkte: das Metronom einschalten, sobald die ersten Takte eines neuen Stücks auf dem Notenständer liegen, und von da an keinen Ton mehr ohne den Klick spielen. Der Gedanke dahinter ist bestechend einfach — wer den Puls von Anfang an mitlernt, baut ihn gleich in die Bewegung ein, statt ihn später mühsam nachzurüsten.

Umgekehrt funktioniert die zweite Herangehensweise. Erst die Töne, die Fingersätze, den Zusammenhang der Hände erarbeiten, ganz ohne Klick, im eigenen, oft unregelmäßigen Tempo. Das Metronom kommt erst dazu, wenn eine Passage technisch einigermaßen steht, und übernimmt dann die Rolle eines Prüfers, nicht die eines Lehrers.

Was passiert, wenn der Klick zu früh einsetzt?

Bei mir persönlich endet die erste Herangehensweise meistens in Verkrampfung, nicht in Präzision. Wie man das Muskelgedächtnis nach jahrzehntelanger Pause grundsätzlich wieder aufbaut, ist noch mal ein eigenes Thema — hier zählt nur, dass ein zu früher Klick genau in dieser empfindlichen Phase oft mehr stört, als er nützt. Die Hand verkrampft, weil sie gleichzeitig etwas Neues finden und einem starren Takt gehorchen soll.

Ich hatte früher ein Selbstlernbuch mit CD, das ein Rhythmusgefühl quasi im Vorbeigehen versprach — von außen antrainiert, ohne dass man selbst ein eigenes Tempogefühl aufbauen musste. Ich bin knapp zur Hälfte durchgekommen, dann verschwand das Heft irgendwo zwischen den Kochbüchern in der Küche, und ich habe es nie wieder gesucht. Genau dieses Prinzip — Rhythmus von außen aufzwingen, statt ihn wachsen zu lassen — ist es, woran die erste Methode oft scheitert, wenn man sie zu früh einsetzt.

Metronom-Display auf 60 BPM beim langsamen Klavier üben – Rhythmus-Training für Wiedereinsteiger

Langsam üben, bevor der Takt dazukommt

Neue oder wiederzuerlernende Passagen festigen sich am wirkungsvollsten, wenn das Übungstempo so weit reduziert wird, dass kein Fehler mehr passiert — auch wenn das anfangs bedeutet, jede einzelne Note zu zählen, fast wie beim Buchstabieren eines fremden Wortes. Das ist kein Trick, sondern schlicht das zuverlässigste Prinzip beim Wiederaufbau einer eingerosteten Technik, und es gilt für Anfänger genauso wie für jeden, der nach Jahren wieder einsteigt.

Etwas Ähnliches passiert übrigens auch beim Gehen. Wer oft dieselbe Strecke am Schleußiger Weg entlang des Elsterbeckens läuft, denkt irgendwann nicht mehr über die Schrittlänge nach — der Rhythmus sitzt im Körper, nicht mehr im Kopf. Genau dahin soll auch das langsame Üben führen: Der Klick soll überflüssig werden, weil der Puls längst im Handgelenk und in den Fingerspitzen angekommen ist.

Neulich landete eine Partitur auf meinem Schreibtisch im Verlag — ein Notenanhang für ein Buch, das gerade durch die Redaktion lief — und ich merkte erst beim zweiten Hinsehen, dass ich die Linien gar nicht mehr einzeln abgezählt hatte. Die Zeilen lasen sich einfach, wie ein Satz Text. Wie sehr ein stabiler innerer Takt auch das Vom-Blatt-Spielen flüssiger macht, ist wieder ein eigenes Kapitel, aber genau das habe ich in diesem Moment am eigenen Leib gespürt.

Wann der frühe Klick die bessere Wahl ist

Bei Tonleitern sieht die Sache anders aus. Das ganze Ziel ist dort ohnehin schon die Gleichmäßigkeit — es gibt keine unbekannten Töne, die vom Takt ablenken könnten, also darf der Klick sofort mitlaufen, ohne zu stören. Wie man für die einzelnen Tonleitern überhaupt den passenden Fingersatz findet, ist dabei noch mal eine andere Frage.

Ähnliches gilt bei Etüden nach Hanon oder Czerny, weil ihr Sinn ohnehin in der Wiederholung liegt und nicht in der Interpretation — anders als bei echtem Repertoire, wo zuerst die musikalische Aussage zählt und die Präzision erst danach kommt. Auch beim Pedal zeigt sich das: Wann man es genau tritt und wieder löst, hängt so eng am Takt, dass ein früher Klick hier eher hilft als stört.

Sobald beide Hände unabhängig voneinander etwas tun müssen, wird der frühe Klick zum gemeinsamen Nenner für beide — wie man diese Unabhängigkeit der Hände grundsätzlich aufbaut, ist noch mal ein eigenes Kapitel für sich. Manchmal übe ich den Takt sogar ganz ohne Klavier, in Gedanken in der S-Bahn, während ich zähle statt spiele, und auch das schult den inneren Puls, ganz ohne Klick.

Der Klick als Werkzeug, nicht als Richter

Am Digitalpiano zwischen Bücherregal und Fensterrahmen sitzt inzwischen ein anderes Problem: die Lautstärke des Klicks am Abend. Meine Nachbarin von oben, Gisela Mähler, hat mir mehrfach versichert, dass man durch die Decke kaum etwas höre — was mich trotzdem nicht davon abhält, spätabends lieber den Kopfhörer aufzusetzen, wenn ich Tonleitern klicke.

Wie eng Rhythmus und Erinnerung zusammenhängen, habe ich an anderer Stelle beschrieben, als es darum ging, wie ich Klavierstücke auswendig lerne — ein Stück, das man im Takt verinnerlicht hat, vergisst man seltener als eines, das man nur in Tönen kennt. Wenn ich zusätzlich mit Kopfhörern übe, sitzt der Klick sowieso direkt im Ohr, und es gibt keine Ausrede mehr, die Pausen zu verschlucken.

Der schmale Lichtkegel der kleinen LED-Klemmleuchte am Notenständer fällt an solchen Abenden genau auf die weißen Tasten, während der Rest des Zimmers dunkel bleibt. Seit zwei Jahren sitze ich nun wieder regelmäßig hier, mit der Wolldecke der Katze auf der Klavierbank und dem Stapel vergilbter Notenhefte aus den Neunzigern auf dem Fensterbrett — genug Zeit, um zu merken, dass keine der beiden Methoden allein die richtige ist.

Welche Methode passt wann?

Für Tonleitern, Etüden und alles, wo Gleichmäßigkeit das eigentliche Ziel ist, würde ich den Klick von der ersten Minute an einschalten. Für neues, unbekanntes Repertoire dagegen, für alles, wo erst die Töne und Fingersätze sitzen müssen, bevor überhaupt an Ausdruck zu denken ist, lohnt es sich, das Metronom bewusst wegzulassen, bis die Passage im eigenen, langsamen Tempo fehlerfrei läuft. Danach darf der Klick übernehmen.

Albert Fenneberg wird das vermutlich nicht als endgültige Antwort reichen, und das ist auch richtig so — am Ende testet jeder an den eigenen Stücken, welche Reihenfolge für die eigenen Hände funktioniert. Dass man dabei zwischendurch auch mal tagelang auf der Stelle tritt, ohne dass sich hörbar etwas bewegt, gehört zum Prozess dazu und ist wieder ein eigenes Thema. Der Klick selbst entscheidet ohnehin nichts — er zeigt nur ehrlich an, was gerade stimmt und was noch nicht.

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