Mein Klavierweg

Mentales Klaviertraining für Wiedereinsteiger: Stücke im Kopf üben ohne Klavier

Zwei Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: eine Zugfahrt ohne Wartezeit und ein Klavierstück, das trotzdem komplett durchgespielt wird. Genau das passiert bei mir regelmäßig, seit ich mit dem Klavier-Wiedereinstieg ernst gemacht habe – ich übe, ohne dass in der Nähe auch nur ein Klavier steht. Wer glaubt, mentales Training sei bloß ein netter Zusatz zum echten Klavier üben, hat die Reihenfolge vertauscht. Hier in Leipzig, zwischen Verlagsalltag und Bahnfahrten, ist der Kopf inzwischen der Ort, an dem am meisten geübt wird.

Der Irrtum hält sich trotzdem hartnäckig.

Ohne Tasten unter den Fingern bewege sich nichts, heißt es oft unter Wiedereinsteigerinnen. Dabei stimmt eher das Gegenteil, sobald man es einmal ausprobiert – ein Stück lässt sich im Kopf genauso durcharbeiten wie am Instrument, nur eben ohne Klang. Genau diesen Irrtum will ich hier geraderücken, ohne dass daraus ein Wundermittel wird.

Ohne Klavier geht nichts – ein verbreiteter Irrtum

Wer als Kind Klavierunterricht hatte, kennt das alte Modell: täglich eine halbe Stunde an den Tasten, sonst zählt der Tag nicht. Dieses Muster sitzt tief, auch Jahrzehnte später, wenn man als Erwachsene wieder einsteigt. Mentales Training ist dabei keine Krücke für Tage ohne Instrument, sondern eine eigenständige Übungsform mit eigenen Regeln: die Tastatur vor dem inneren Auge aufrufen, eine Fingerfolge Schritt für Schritt verfolgen, eine Melodie so klar hören, dass ein falscher Ton sofort auffällt. Fachleute nennen das mentales Training, ein Begriff ursprünglich aus dem Sport, der am Klavier erstaunlich ähnlich funktioniert: Wer eine Bewegung im Kopf sauber durchspielt, findet an der Taste selbst schneller den Weg.

Es ist wie mit einer Fremdsprache, die man jahrzehntelang nicht gesprochen hat. Die Grammatik ist noch da, nur der Zugriff braucht Übung – und genau diesen Zugriff trainiert man im Kopf, bevor die Finger überhaupt gefragt sind. Bei einer Bach-Invention merke ich das besonders deutlich: Sobald ich die Stimmführung im Kopf nicht sauber trennen kann, klappt es später an den Tasten erst recht nicht.

Mentales Training bedeutet mehr als Kopfkino

Mentales Training bedeutet mehr als sich ein Stück schön vorzustellen. Die meisten Ratgeber empfehlen den perfekten Durchlauf im Kopf, Note für Note, ohne einen einzigen Ausrutscher. Nur hilft mir das wenig, weil im echten Leben eben doch etwas danebengeht.

An einem Dienstagmorgen bin ich zum Beispiel aufgewacht und hatte, ganz ohne Vorsatz vom Vorabend, einfach Lust, eine Passage im Kopf durchzugehen – noch bevor der Kaffee durchgelaufen war. Kein Klavier in Reichweite, keine Noten in der Hand, nur die Melodie und die Frage, an welcher Stelle sie beim letzten Mal gestolpert war.

Ich stelle mir deshalb nicht nur den perfekten Durchlauf vor, sondern auch die Stelle, an der ich normalerweise ins Stocken gerate – und wie ich mich von dort wieder fange. Das klingt nach Umweg, spart aber am Ende Zeit an der Klaviatur. Manchmal gehe ich so weit, dass ich versuche, einen Ton exakt auf 440 Hz zu hören, bevor ich überhaupt eine Taste berühre.

Der MIDI-Controller aus dem Keller

Vor einiger Zeit habe ich es mit Technik statt mit reiner Vorstellung versucht: ein alter MIDI-Controller, den ich noch aus einer früheren Wohnung im Keller hatte. Die Idee war simpel – wenigstens ein bisschen Tastengefühl mitnehmen, wenn schon kein richtiges Klavier zur Hand ist.

Der fehlende Tastenanschlag hat mir die Sache aber schnell verleidet. Die Tasten federten viel zu leicht zurück, jede Dynamik ging verloren, und der Controller verschwand bald wieder dahin, wo er hergekommen war. Mentales Training funktioniert eben nicht, weil es ein Ersatzinstrument wäre – es funktioniert, weil es etwas völlig anderes trainiert als die Finger.

Ein Ersatzinstrument war das nie.

Überraschend viel passt in den Kopf

Erstaunlich viel, wenn man es zulässt. Tonleitern mit ihren Fingersätzen laufen im Kopf durch, obwohl sich kein einziger Finger bewegt. Beide Hände lassen sich unabhängig voneinander denken, die eine ruhig, die andere in Bewegung – reine Vorstellung, kein Ton. Ein langsames Tempo lässt sich im Kopf mitzählen, so wie am Metronom, nur ohne das Ticken. Blattspiel geht sogar rein visuell: eine fremde Partitur ansehen und den Klang vorwegnehmen, bevor überhaupt eine Taste berührt wird. Ob ein Akkord Dur oder Moll ist, kläre ich oft schon gedanklich, bevor die Hand danach greift, und wandere dabei durch den Quintenzirkel, um zu verstehen, warum ein Stück sich gerade so anfühlt. Auch eine Terz von einer Quarte zu unterscheiden, gelingt im Kopf oft leichter als am Instrument. Und wenn eine Stelle einfach nicht weichen will, egal wie oft ich sie durchgehe, ist das kein Rückschritt, sondern ein Plateau, das sich mit Geduld wieder auflöst.

Auf dem Weg durch die Biedermannstraße in Connewitz gehe ich manchmal genau das durch, während ich eigentlich nur zum Einkaufen unterwegs bin. Das Pedal lässt sich dabei mitdenken, obwohl kein Fuß in der Nähe eines Instruments ist – wann es greift, wann es wieder loslässt. Auch die Frage, wie locker das Handgelenk bei einer bestimmten Passage bleiben soll, kläre ich lieber vorher im Kopf als hinterher am Klavier, wo sich Verspannung schwerer wieder löst. Wie stark ein bestimmter Anschlag den Klang färbt, probiere ich ebenfalls zuerst gedanklich aus, lange bevor die Finger es umsetzen. Der Unterschied zwischen einer Etüde und einem Stück aus dem eigentlichen Repertoire lässt sich dabei gut trennen: Die Etüde trainiere ich für die Bewegung, das Repertoirestück für den Klang, im Kopf geht das sauber auseinander – ganz ohne dass sich dabei schon das Muskelgedächtnis am Klavier einschalten müsste. Rosemarie, eine Bekannte aus einem Klavierforum für Wiedereinsteiger, hat mir neulich geschrieben, sie mache das Gleiche mit Filmmusik statt mit Barock – bei ihr ist es eine Melodie aus einem Soundtrack, bei mir eher eine Bach-Invention, aber das Prinzip bleibt identisch.

Grenzen erkennen, bevor sie frustrieren

Mentales Training hat trotzdem klare Grenzen, und die zu kennen gehört zur Ehrlichkeit dazu, die ich mir selbst schulde. Es ersetzt keine einzige Minute am Instrument, wenn es um reine Fingerkraft geht oder um jene Art von körperlicher Sicherheit, die sich nur durch tatsächliche Wiederholung an den Tasten aufbaut. Eine Bewegung im Kopf sauber zu visualisieren ist eben nicht dasselbe, wie sie fünfzig Mal mit echtem Widerstand unter den Fingern auszuführen.

Wer nur noch im Kopf übt und die Tasten meidet, verwechselt Vorbereitung mit Ergebnis. Selbst beim Transponieren merke ich diese Grenze deutlich: Gedanklich in eine andere Tonart zu wechseln gelingt meistens mühelos, aber die Finger brauchen trotzdem die Wiederholung an der Taste, damit es wirklich sitzt. Wer selbst üben will, wie sich Harmonien im Kopf verschieben lassen, findet in meinem Beitrag über das Transponieren lernen für Wiedereinsteiger ein paar zusätzliche Ansatzpunkte dazu.

Die Faustregel, die bei mir hängen geblieben ist

Meine Faustregel ist inzwischen einfach: Mentales Training ergänzt die Zeit am Klavier, ersetzt sie aber nie vollständig. Sobald ich eine Stelle im Kopf nicht sauber durchspielen kann, weiß ich, dass genau dort als Nächstes die Finger ran müssen, nicht die Vorstellung. Und sobald die Finger eine Bewegung technisch beherrschen, sie aber im Kopf nicht sauber abrufbar ist, fehlt eher das Verständnis als die Übung.

Der nächste Weg ohne Klavier lässt sich jedenfalls nutzen, und sei es nur für die ersten paar Takte eines Lieblingsstücks im Kopf. Meistens ist genau die Stelle, die dabei hakt, später am Instrument auch die Stelle, die noch Arbeit braucht – und das allein ist schon mehr wert als ein Tag ganz ohne Übung.

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