Mein Klavierweg

Klavierspielen zum Entspannen nach der Arbeit als Ausgleich im Alltag

Klavierspielen zum Entspannen nach der Arbeit als Ausgleich im Alltag – Wiedereinstieg am Digitalpiano in Gohlis

Der dritte Takt im Chopin Nocturne reißt mitten im Bogen ab, und meine rechte Hand bleibt für einen Moment in der Luft hängen, als hätte sie vergessen, wohin sie eigentlich wollte. Neben mir sinkt in genau diesem Moment ein warmes Gewicht auf die linke Hälfte der Klavierbank – Mimi hat ihren Platz zwischen Bücherregal und Fensterrahmen längst gefunden, genau dort, wo das Digitalpiano an der Nordwand unseres Wohnzimmers in Gohlis steht. Der Wiedereinstieg ins Klavierspielen sollte eigentlich für Entspannung nach der Arbeit sorgen, nicht für neue kleine Niederlagen wie diese hier.

Was in Ratgebern gerne Work-Life-Balance genannt wird, ist bei mir eher ein Klavierhocker mit Katze drauf und ein Notenheft, das inzwischen mehr Eselsohren als unbeschriebene Seiten hat. Auf dem Fensterbrett türmen sich seit Jahren vergilbte Notenhefte aus den Neunzigern, die Kopfhörer hängen am linken Arm des Notenständers, falls Mimi genug hat vom Üben. Ich blättere kurz zum Glossar der Klavier-Begriffe, weil mir der Fingersatz für die linke Hand entfallen ist, klappe es dann aber achselzuckend wieder zu. Manche Dinge muss man einfach neu ertasten, keine Erklärung ersetzt das.

Nahaufnahme eines alten Notenhefts von 1994 mit klassischen Klaviernoten im warmen Licht – Klavier-Wiedereinstieg für Erwachsene

Morgens wie Albert, abends wie ich?

Ein Leser namens Albert Fenneberg schrieb mir vor Kurzem eine lange Mail. Er spielt auf dem alten Klavier, das er von seiner Tante geerbt hat, und verfolgt offenbar ein sehr ähnliches Projekt wie ich – nur mit einem entscheidenden Unterschied: Er setzt sich jeden Morgen vor der Arbeit an die Tasten, konsequent, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Das brachte mich zum Nachdenken, ob morgens oder abends am Klavier zu sitzen für den Ausgleich im Alltag überhaupt vergleichbar ist.

Meine erste Vermutung: Morgens hat man einen klaren Kopf und noch nichts, das an einem nagt. Abends dagegen räumt das Spiel etwas weg, das sich über acht Stunden angesammelt hat. Beides ist Ausgleich, nur mit entgegengesetzter Wirkrichtung. Wer wie Albert startet, nutzt das Klavier als Vorbereitung auf den Tag. Wer wie ich abends beginnt, nutzt es als Abschluss.

Erwachsene lernen anders, als Kinder es tun – nicht linear, sondern in Schüben, mit Rückschlägen, die man früher nie so bewusst wahrgenommen hat. Vielleicht erklärt das, warum die Tageszeit für uns beide so viel ausmacht: Wir haben beide ein volles Leben drumherum gebaut, in das sich die Übungszeit erst wieder einfügen muss.

Am Abend das Handgelenk lockern, das der Tag verspannt hat

Ein lockeres Handgelenk lässt sich am Abend schwerer herstellen als am Morgen. Die Anspannung des Tages sitzt dann noch in den Sehnen, ganz gleich wie sehr ich versuche, das Handgelenk locker zu halten. Genau deshalb hilft an solchen Abenden eine feste Struktur mehr als freies Herumklimpern: Mit der RS-Piano-Akademie entscheidet jemand anders, was als Nächstes drankommt, und mein erschöpfter Kopf muss diese Entscheidung nicht mehr selbst treffen.

Bei Albert sieht die Morgenroutine vermutlich anders aus als meine am Abend: Tonleitern mit sauberem Fingersatz, ein paar Akkorde, bei denen nur die linke Hand gefragt ist, weil rechte und linke Hand sich sonst nur ungern trennen lassen, gelegentlich ein Blick auf den Quintenzirkel, wenn eine Tonart nicht sofort sitzt, oder eine Etüde statt eines ganzen Stücks, wenn die Zeit knapp ist. Blattspiel fällt mir überraschend leichter, wenn der Kopf noch nicht mit fremden Korrekturfahnen vollgestopft ist, das Pedal setze ich dann sauberer, und selbst Intervalle erkenne ich schneller. Nur das Muskelgedächtnis kennt offenbar keine Tageszeit. Es meldet sich abends genauso zurück, wie es das morgens vermutlich täte. Manchmal übe ich einen Takt sogar nur im Kopf, auf dem Weg zur S-Bahn, ganz ohne Tasten unter den Fingern.

Hände einer Frau auf den Tasten eines Digitalpianos beim Üben am Abend – Entspannung im Alltag nach der Arbeit

Eine Anmeldung, die im Kalender verstaubte

Einmal habe ich mich für einen Klavierkreis im Kulturzentrum angemeldet, überzeugt, dass feste Termine mit anderen mir die Disziplin geben würden, die Albert offenbar automatisch hat. Der Zettel mit dem Termin lag wochenlang auf dem Notenständer, während ich mir jedes Mal neue Gründe ausdachte, warum es gerade jetzt nicht passte. Ich bin kein einziges Mal hingegangen.

Das Problem war nicht der Kreis selbst, sondern die feste Uhrzeit, die sich wie eine dritte Verpflichtung neben Redaktion und Alltag anfühlte. Neugierig war ich trotzdem und habe mir danach den 52-Wochen-Plan von KEYBOARD X angeschaut, mehr aus Interesse an moderneren Stücken als aus Unzufriedenheit mit meiner Akademie. Auch dieser Plan blieb bei mir größtenteils ungenutzt liegen – offenbar zählt bei mir tatsächlich die Uhrzeit mehr als das Programm dahinter.

Durststrecken gehören dazu, das lernt jeder, der nach einer langen Pause wieder anfängt, und auch nach vielen Abenden bleibt es eine kleine Überraschung, wie viel Anschlag eine Taste an einem bestimmten Tag verträgt. Langsam zu spielen, viel langsamer als es sich richtig anfühlt, hilft dabei öfter, als ich zugeben möchte.

Wann Struktur zum Ausgleich wird – und wann die Stille reicht

Nicht jede Regel stimmt hundertprozentig. Neulich bin ich an einem Dienstag mit dem unerklärlichen Bedürfnis aufgewacht, noch vor der Arbeit ein paar Töne anzuschlagen – kein Ziel, keine Übung, die ich mir vorgenommen hätte, nur die Finger, die von selbst zum Klavier wollten. Vielleicht ist genau das der Punkt: Ausgleich lässt sich nicht endgültig in Morgen oder Abend einteilen, er kommt, wenn er kommt.

Meine Nachbarin Gisela Mähler, die ich seit Jahren auf dem Treppenabsatz treffe, bestätigt mir regelmäßig, dass man durch die Decke kaum etwas hört – was vermutlich mehr über meine Zurückhaltung am Klavier aussagt als über die Bauweise des Hauses.

Wenn ich beides nebeneinanderlege, komme ich zu einem einfachen Schluss: Eine feste Verabredung wie ein Kurs mit Anmeldefrist funktioniert dann, wenn der Tag noch offen vor einem liegt und die Energie für die Verpflichtung noch da ist – so wie bei Albert am Morgen. Am Abend dagegen, wenn der Kopf schon Stunden lang Entscheidungen getroffen hat, braucht Ausgleich eher das Gegenteil: keine neue Uhrzeit, keinen neuen Termin, sondern zwanzig Minuten, die niemandem gehören außer einem selbst und der Katze auf der Bank.

Falls du selbst überlegst, ob dein Klavier eher morgens oder abends wieder aufgeklappt werden soll: Es gibt keine falsche Antwort, nur die Uhrzeit, die zu deinem Tag passt. Mehr dazu, warum das Spielen für manche von uns überhaupt zur Ruhe wird, steht im Text Klavier spielen für die Seele.

Alles Liebe,
Deine Lektorin aus Leipzig

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