
Drei Videos. So lange hielt ich einen YouTube-Kanal für Erwachsene-Anfänger aus, bevor ich das Tablet zuklappte – die Stimme des Lehrers ging mir auf die Nerven, dieses gleichmäßige Erklären ohne eine einzige Pause zum Nachdenken. Das war kurz nachdem ich mir zum 46. Geburtstag ein Digitalpiano geschenkt hatte, in der Annahme, ein paar Erklärvideos würden reichen, um meinen Klavier-Wiedereinstieg zu meistern. Reichten sie nicht. Geblieben ist die Frage, wie ich meine Anschlagtechnik im Klavier-Selbststudium verbessern sollte, ganz ohne fremde Stimmen im Kopf.
Mein altes Notenheft von 1994 lag da, leicht vergilbt, die Ecken schon weich vom häufigen Umblättern. Notenlesen kam sofort zurück, fast wie die eigene Handschrift, die man nach Jahren noch erkennt, auch wenn die Finger sie kaum noch formen können. Der Klang aus meinen Lautsprechern war ein anderes Problem: flach, mal zu laut, mal kaum hörbar, ohne die feinen Abstufungen, die ich im Kopf hörte. Die gewichtete Mechanik des Instruments war gut – aber meine Finger, trainiert höchstens am Manuskriptstapel im Lektorat, verstanden noch nicht, wie sie diese Mechanik nutzen sollten. Vor etwa zwölf Wochen habe ich angefangen, mit den Anschlag-Modulen der RS-Piano-Akademie ganz gezielt genau an diesem einen Problem zu arbeiten.
Was gute Anschlagtechnik wirklich mit dem Klang macht
Der Anschlag ist die Stimme des Klaviers, mehr als jede Dynamikangabe im Notentext. Wie schnell und mit wie viel Gewicht die Taste heruntergeht, entscheidet darüber, ob ein Ton warm klingt oder hart, ob er sich rund in den nächsten einfügt oder wie ein einzelner Nagel aus der Melodie heraussticht. Das hatte ich als Teenager nie bewusst gelernt – damals klang einfach das, was klang, richtig oder falsch, laut oder leise, mehr Kategorien gab es nicht.
In der RS-Piano-Akademie übe ich seitdem etwas, das mir völlig neu vorkam: das Gewicht des Arms bewusst in die Taste fallen zu lassen, statt sie zu drücken. Am Anfang klang das bei mir wie ein Sack Mehl, der auf die Tasten plumpst – kein Ton, nur ein dumpfes Klopfen. Mit der Zeit merkte ich den Unterschied zwischen einem Anschlag, der aus der Schulter kommt, und einem, der nur aus dem Finger kommt. Beim Bach-Präludium, das ich gerade wieder aufgenommen habe, hört man das sofort: Die linke Hand braucht einen ganz anderen, gleichmäßigeren Anschlag als die melodische rechte.

Warum lockere Handgelenke allein nicht reichen
Am Anfang meines Wiedereinstiegs las ich überall denselben Ratschlag: Handgelenke locker halten. Wirklich hilfreich wurde das erst, als ich verstand, dass lockere Handgelenke ohne eine gewisse Grundstabilität genauso wenig bringen wie verkrampfte – die Mechanik dahinter, mit der Balance zwischen Spannung und Lösung, habe ich mir über das Thema Handgelenk locker halten beim Klavierspielen im Detail angeeignet, hier soll es bei diesem einen Gedanken bleiben.
Zwischen Rotstift und Notenschlüssel
Mein Job im Verlag ist unberechenbar. Mal kommt ein 600-Seiten-Manuskript rein, das bis übermorgen durch muss, mal sitze ich abends noch in der S-Bahn fest, weil eine Autorin unbedingt heute noch telefonieren wollte. Ein fester Kurstermin am Donnerstagnachmittag wäre für mich der sichere Weg, das Klavier nach ein paar Wochen wieder aufzugeben – ähnlich wie bei diesem YouTube-Kanal. Das Selbststudium bei der RS-Piano-Akademie lässt sich dagegen um meinen Alltag herumbauen: mal nur fünfzehn Minuten vor dem Abendessen, mal eine ganze Stunde, wenn draußen am Schleußiger Weg die Läufer am Elsterbecken entlangziehen und ich lieber drinnen bleibe.
Wenn ich heute Klassische Klavierstücke für Wiedereinsteiger bei meineMusikschule Klavier übe oder meine alten Bach-Sachen, achte ich inzwischen viel bewusster auf die Artikulation als früher. Zwischen dem, was meine Hände von damals noch wissen, und dem, was sie heute wirklich können, liegt eine Lücke – die RS-Piano-Akademie hilft mir, sie langsam zu schließen, ein Modul nach dem anderen.

Woche 12: die Note, die ich nicht mehr zählen musste
Um die zwölfte Woche herum lag im Lektorat eine gescannte Partitur auf meinem Schreibtisch – Notenbeispiele für ein Kinderbuch über ein Orchester. Ich sah die Note auf der obersten Hilfslinie und wusste sofort, welche es war, ohne von der letzten Linie aus hochzuzählen. Eine Kollegin fragte, ob ich das wirklich könne, einfach so, und ich merkte selbst überrascht, dass ich es konnte. Kein großer Moment, eher ein kleiner, der mir erst beim Nachhausefahren richtig auffiel.
Nicht jede Übung in dieser Zeit hat sofort funktioniert. Eine ganze Sitzung lang versuchte ich, eine leise Passage im Nocturne wirklich leise und klar zu spielen, nicht nur leise und matschig – eine Frage, die eng mit dem Thema Klavier Dynamik verbessern: Mehr Gefühl beim Wiedereinstieg nach langen Jahren zusammenhängt, aber an diesem Abend einfach nicht klappen wollte. Der Ton blieb entweder zu blass oder kippte in dieses harte, digitale Klicken, das Kunststofftasten manchmal haben. Irgendwann habe ich aufgehört und stattdessen Geschirr gespült, was erstaunlich beruhigend war.
Nebenbei verändert sich noch mehr, in kleinen Schritten, die sich nicht immer wie Fortschritt anfühlen. Beide Hände wirklich unabhängig voneinander zu führen, ohne dass die eine ständig auf die andere schielt, übe ich mit ein paar Fingerübungen aus der Akademie. Das Metronom kommt nur noch für einzelne, schwierige Takte zum Einsatz, meistens sehr langsam, bevor ich das Tempo vorsichtig anziehe. Blattspiel bleibt eine eigene Baustelle, an der ich mich kaum traue, laut zu üben. Es gibt Wochen, in denen sich gar nichts zu bewegen scheint, ein Plateau, das ich inzwischen gelassener nehme als am Anfang.
Akkorde und die Logik der Harmonien sind ein Kapitel, das ich mir gerade erst wieder erschließe, Stück für Stück. Das Pedal fasse ich noch mit spitzen Zehen an, sauber timen gelingt mir selten. Intervalle auf Anhieb zu erkennen, ohne sie nachzuzählen, ist eine Fähigkeit, die bei mir fast komplett neu aufgebaut werden muss. Tonleitern übe ich mit einer Fingersatz-Logik, die mir noch unsicher in den Händen sitzt.
Der Quintenzirkel ist für mich nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln, an das ich mich erst langsam herantaste. Manchmal übe ich sogar in Gedanken in der S-Bahn, ganz ohne Tasten unter den Fingern, einfach um mir ein Stück noch einmal vorzustellen. Zwischen Etüden und echten Stücken pendle ich noch ohne klare Reihenfolge – mal ist mir nach Czerny, mal nach Chopin.

Was am Ende bleibt
Meine alte Schulfreundin Irene hat mir kürzlich geschrieben und gefragt, ob ich noch "Für Elise" spiele, weil sie sich an das Klavier bei uns zu Hause erinnert – ich musste lachen, weil ich das Stück seit Jahrzehnten nicht angerührt habe, aber es zeigt, wie lange andere Menschen solche Dinge mit sich herumtragen.
Seit zwei Jahren sitze ich jetzt wieder regelmäßig an den Tasten, und was ich am ehesten mitgeben würde, ist das hier: Der Anschlag verbessert sich nicht dadurch, dass man schneller übt oder mehr Stücke durchnimmt, sondern dadurch, dass man einem einzigen Ton wirklich zuhört, bevor man zum nächsten weitergeht. Das lässt sich nicht erzwingen und schon gar nicht an einem Abend lernen. Aber es lässt sich üben, in kleinen Portionen, immer wieder, bis die Finger irgendwann von selbst wissen, wie viel Gewicht ein Ton braucht.