Mein Klavierweg

Klavier spielen als kreativer Ausgleich zum Berufsalltag in der Verlagsbranche

Klavier spielen als kreativer Ausgleich zum Berufsalltag in der Verlagsbranche – Finger auf den Tasten eines Digitalpianos nach einem langen Arbeitstag im Lektorat

Keine zwei Minuten habe ich gebraucht, um eine Überzeugung zu widerlegen, die ich selbst lange für wahr gehalten hätte: dass echter Ausgleich zum Kopfjob nur entsteht, wenn das Gehirn komplett in den Leerlauf schaltet. Zwei Minuten an den Tasten, mehr nicht, und mein Kopf war alles andere als leer — er war wach, nur auf eine andere Art als beim Lektorat. Genau da liegt der Irrtum, dem die meisten von uns beim Wiedereinstieg ins Klavierspielen aufsitzen.

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Kreativer Ausgleich, Work-Life-Balance, Wiedereinstieg ins Klavierspielen — diese Wörter klingen, als würden sie alle dasselbe meinen: Ruhe, Stille, ein Gegengewicht zum Bildschirm. Meine Erfahrung mit dem Digitalpiano in den letzten rund zwei Jahren zeigt mir immer wieder etwas anderes.

Muss Ausgleich wirklich bedeuten, dass der Kopf abschaltet?

Viele denken, ein Ausgleich zum Kopfjob müsse leise und passiv sein — am besten ganz ohne Anspruch. Eine Kollegin aus meinem Umfeld hat vor einiger Zeit mit Ashtanga-Yoga angefangen und macht inzwischen täglich zwanzig Minuten davon, bevor sie überhaupt ins Büro fährt. Danach wirkt sie, als hätte sie den Tag schon hinter sich, bevor er angefangen hat.

Mein Mittagsweg führt oft durch den Palmengarten, nicht weit vom Verlag entfernt, und dort beobachte ich dieselbe Logik: Leute, die bewusst langsamer gehen, um runterzukommen. Das ist nicht falsch. Es ist nur eine von vielen Formen von Ausgleich, und bei mir funktioniert ausgerechnet diese nicht besonders gut.

Klavier ist das Gegenteil von langsamem Gehen. Es verlangt volle Aufmerksamkeit, beide Hände, manchmal noch die Füße fürs Pedal — eine eigene Baustelle, die ich hier nicht aufmache. Trotzdem bringt es mich runter, nicht weil mein Kopf nichts tut, sondern weil er etwas anderes tut als acht Stunden lang Manuskripte zu sichten.

Die Analyse ist dieselbe, nur das Material wechselt.

Beim Lektorat zerlege ich Sätze in ihre Bestandteile — Rhythmus, Pausen, das Gewicht eines Wortes am Satzende. Vor Kurzem saß ich vor einem Präludium von Johann Sebastian Bach und merkte, wie ich es genauso angehe: nicht als Ganzes schlucken, sondern Takt für Takt auseinandernehmen.

Genau das meine ich, wenn ich von kreativem Ausgleich spreche. Es ist kein Ausschalten des analytischen Blicks, sondern eine Verschiebung — vom Text auf die Taste. Klavier spielen als Hobby für Erwachsene und der Weg zur Entschleunigung beschreibt genau diesen Punkt, nur dass es bei mir weniger ums Verlangsamen geht als ums Umlenken.

Der Metronom-Versuch, der schiefging

Nicht alles, was ich ausprobiert habe, hat funktioniert. Die Tasten fühlen sich am Feierabend fast immer kälter an, als ich erwarte, bis die ersten Töne sie aufwärmen — und genau in diesem kühlen ersten Moment habe ich einmal beschlossen, mit Metronom zu üben.

Eine Woche lang habe ich stur im Takt geklickt, jede Note auf den Schlag gezwungen. Nach ein paar Tagen waren meine Schultern hochgezogen, bevor ich überhaupt die erste Zeile gespielt hatte. Irgendwann habe ich das Gerät einfach ausgeschaltet und nie wieder angefasst.

Langsames Üben, das sagt mir heute jede Lehrmeinung, ist wichtiger als exaktes Timing — nur dass bei mir ausgerechnet das Werkzeug dafür den gegenteiligen Effekt hatte.

Linke Hand allein spielen — und nichts mehr mitzählen müssen

Nahaufnahme der Hände beim Klavierspielen mit Katze im Hintergrund auf der Klavierbank – kreativer Ausgleich am Digitalpiano

Neulich habe ich stattdessen nur die linke Hand einer Bach-Invention gespielt, ganz ohne Metronom. Kein einziges Mal musste ich überlegen, welcher Finger jetzt an der Reihe ist — die Hand wusste es einfach, während mein Kopf längst beim nächsten Takt war.

Das ist der Moment, an dem die Behauptung bröckelt, man fange beim Wiedereinstieg quasi bei null an. Die Finger erinnern sich an Dinge, die der bewusste Kopf längst vergessen hat — ein Mechanismus, den man in der Klavierpädagogik oft als Fingergedächtnis verhandelt, ohne dass ich hier im Detail reingehen will.

Für die Koordination beider Hände gilt das nur bedingt — ein eigenes Kapitel, das ich an dieser Stelle nicht aufmache. Aber für eine Hand allein reicht die alte Erinnerung oft erstaunlich weit.

Was mir dabei hilft, ist nicht stures Wiederholen, sondern Struktur erkennen — welche Phrase sich wiederholt, wo eine Linie kippt. Klavierstücke richtig analysieren lernen mit den Inhalten der RS-Piano-Akademie hat mir gezeigt, dass dieses analytische Vorgehen auch am Klavier funktioniert, nicht nur auf Papier.

Zwanzig Jahre altes Wissen sitzt tiefer, als man denkt

Altes Notenheft von 1994 auf dem Notenständer – Wiedereinstieg ins Klavierspielen nach Jahren der Pause

Man kann den Wiedereinstieg mit dem Fahrradfahren nach zwanzig Jahren vergleichen. Die ersten Meter sind wackelig, der Körper zögert, aber die Balance ist nicht wirklich weg — sie war nur eingelagert. Mein altes Notenheft von 1994 ist Beleg genug dafür: Fingersätze, die ich als Teenager mit Bleistift eingetragen habe, ergeben für meine Hände heute noch Sinn.

Deshalb misstraue ich der Vorstellung, man fange nach Jahrzehnten Pause absolut bei null an. Was fehlt, ist nicht das Wissen, sondern die Geduld, es wieder freizulegen — und ein Plan, der länger denkt als eine einzelne Übungseinheit. Der KEYBOARD X Strukturplan ist über 52 Wochen angelegt, und allein diese Zeitspanne hat mir geholfen, nicht nach der dritten schwierigen Stelle aufzugeben.

Vor dem Klavier helfen mir inzwischen auch ein paar Minuten ohne Tasten — kurz die Augen schließen und einen Takt im Kopf durchgehen, bevor die Finger überhaupt anfangen. Im Lektorat mache ich im Grunde dasselbe mit einem Satz, bevor ich ihn umschreibe.

Nach einem Tag am Schreibtisch sind meine Handgelenke steifer, als mir bewusst ist, und lockeres statt verkrampftes Spielen macht einen spürbaren Unterschied im Klang. Ein paar einfache Dehnübungen vorher — nichts Kompliziertes — reichen meistens, um die Steifheit loszuwerden.

Was bleibt, wenn der Kopf den ganzen Tag gearbeitet hat?

Die moderne Forschung zu Neuroplastizität sagt, dass sich auch mit Mitte vierzig neue Verbindungen bilden, wenn man sich an etwas Komplexes wie zweihändiges Klavierspiel wagt. Mich überzeugt an diesem Gedanken weniger die Wissenschaft als die praktische Folge: Komplexität ist kein Hindernis für Erholung, sie kann sogar die Voraussetzung dafür sein.

Dafür stehen die klassischen Hanon-Übungen als gutes Beispiel. Sie sind trocken, fast mechanisch, und trotzdem lösen sie bei mir etwas, wofür ein ruhiger Spaziergang nie ausreichen würde.

Wenn du selbst überlegst, ob sich der Wiedereinstieg ins Klavierspielen neben einem anstrengenden Kopfjob lohnt, versuch zuerst herauszufinden, was dich eigentlich erschöpft — reines Nachdenken, endloses Lesen, ständiges Formulieren. Such dir dann etwas, das genau diesen Teil in Ruhe lässt und einen anderen beansprucht.

Bei mir ist daraus eine Kombination geworden: die RS-Piano-Akademie für die analytische Seite, der KEYBOARD X Plan für die lange Strecke. Beide decken etwas anderes ab, und keines davon ersetzt den Moment, in dem ich mich einfach hinsetze.

Der Mythos vom kompletten Abschalten hält sich hartnäckig, aber für mich stimmt er nicht. Ausgleich muss nicht ruhig sein. Er muss nur anders sein als das, was dich über den Tag auslaugt.

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