Mein Klavierweg

Klavier spielen wieder lernen: Tipps für mehr Selbstvertrauen am Instrument

Erwachsene Anfängerin übt beim Klavier-Wiedereinstieg mit wachsendem Selbstvertrauen an den Tasten

Rosemarie übt jeden Tag eine Stunde – mit Metronom, ohne Ausnahme. Mein eigener Wiedereinstieg ins Klavierspielen als erwachsene Anfängerin nach Jahrzehnten ohne Tasten läuft komplett anders, und trotzdem landen wir beide am selben Punkt: mehr Selbstvertrauen an den eigenen Händen.

Ein kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Ich erzähle hier von meinen eigenen Erfahrungen und nutze dabei Affiliate-Links. Kaufst du über einen dieser Links etwas, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich der Preis für dich ändert. Empfohlen wird hier nur, was ich in meinem Leipziger Alltag selbst ausprobiert habe. Mehr dazu in meiner Offenlegung.

Wir kennen uns aus einem Online-Forum für Menschen, die nach jahrzehntelanger Pause wieder anfangen – Rosemarie aus Hannover, ich aus Leipzig, nie persönlich getroffen, aber verbunden durch dasselbe Comeback-Projekt.

Zwei Wege zurück ins Selbstvertrauen am Klavier

Der eine Weg ist Disziplin mit festem Rahmen. Der andere ist beinahe das Gegenteil: so viele kleine Gelegenheiten wie möglich nutzen, egal wie kurz sie ausfallen.

Beide behaupten, dass sie funktionieren, und beide haben bei uns nachweislich funktioniert – nur auf komplett unterschiedliche Art.

Nahaufnahme der Hände auf der Klaviatur im warmen Abendlicht beim Klavier-Wiedereinstieg als erwachsene Anfängerin

Die feste Stunde mit Metronom und ihre Wirkung

Jeden Tag zur gleichen Zeit, sagt Rosemarie, nimmt ihr die Entscheidung ab, ob heute überhaupt geübt wird. Die Frage stellt sich bei ihr gar nicht erst.

Diese Stunde hat eine klare Reihenfolge: ein paar Minuten Aufwärmen für die Finger, dann langsames Üben neuer Takte, danach etwas Altes zur Festigung. Punktierte Noten, Synkopen, das saubere Zusammenspiel beider Hände – bei ihr wirkt nichts improvisiert, weil für jeden Baustein ein fester Platz in der Stunde existiert.

Der Nachteil zeigt sich erst, wenn das Leben nicht mitspielt. Fällt die Stunde einmal aus, weil ein Termin dazwischenkommt, kippt bei manchen gleich das ganze Gefühl, überhaupt dranzubleiben – Disziplin kann sich schnell in Druck verwandeln, wenn der Rahmen zu starr wird.

Meine fünf Minuten sind auch eine Übung

Fünf Minuten, während der Tee zieht, reichen mir oft für zwei Takte – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass Klavier spielen als Hobby für Erwachsene nicht heißt, jeden Tag eine volle Stunde abzuleisten, ist für mich der eigentliche Kern dieser Mini-Einheiten.

Manchmal übe ich sogar, ohne am Klavier zu sitzen – in der Straßenbahn gehe ich eine Passage im Kopf durch, Taste für Taste, bis die Finger beim nächsten echten Versuch schon ungefähr wissen, wohin sie wollen. Es fühlt sich an wie eine Sprache, die man als Kind fließend gesprochen hat und die heute nur noch mit Akzent zurückkommt, Wort für Wort, nicht im ganzen Satz.

Ich nehme mich inzwischen ab und zu mit dem Handy auf, nur um zu hören, ob sich das, was ich beim Spielen fühle, auch so anhört, wie ich glaube. Oft klingt es anders – meistens unsicherer, manchmal überraschend klarer.

Mit der RS-Piano-Akademie arbeite ich gerade an genau diesem Punkt: wie sich ein Ton anfühlt, bevor er überhaupt gespielt ist, und wie man Klavierstücke richtig analysieren lernt, bevor man sie fühlt. Das Akademie-Format ist spürbar erwachsener als die bunten Apps, bei denen man nur Balken nachjagt, auch wenn es mehr Geduld verlangt.

Den alten MIDI-Controller endgültig loslassen

Bevor das Digitalpiano in die Wohnzimmerecke in Gohlis kam, stand dort kurz ein alter MIDI-Controller aus dem Keller.

Ohne gewichtete Tasten fühlte sich jeder Ton gleich an, egal wie fest oder zart ich anschlug, und nach etwa einer Woche habe ich aufgegeben – nicht, weil mir die Lust fehlte, sondern weil ich nicht mehr unterscheiden konnte, ob der Fehler bei mir lag oder beim Gerät. Für das Selbstvertrauen war das fast schädlicher als gar nicht zu üben.

Das Digitalpiano, das danach kam, steht jetzt zwischen dem Bücherregal und dem Fensterrahmen, an der Wand mit dem wenigsten Licht. Die Kopfhörer baumeln am linken Arm des Notenständers, griffbereit für die Abende, an denen die Nachbarn längst schlafen. Auf dem Fensterbrett stapeln sich noch immer die vergilbten Hefte aus den Neunzigern, und auf der Bank liegt eine flachgedrückte Wolldecke, die inzwischen offiziell der Katze gehört.

Es gäbe noch unzählige weitere Baustellen, an denen man drehen könnte: das Pedal so einsetzen, dass der Klang nicht verschmiert, Tonleitern mit ihren festen Fingersätzen, Intervalle erkennen, ohne lange nachzuzählen, der Quintenzirkel als eine Art Landkarte für Akkorde.

Dazu kommen Oktaven für kleinere Hände, Triller und andere Verzierungen, Etüden von Hanon oder Czerny neben dem eigentlichen Repertoire, ein lockeres Handgelenk statt verkrampfter Sehnen, die Funktion von Akkorden innerhalb eines Stücks und Phrasierung, damit ein Satz nicht wie eine Aneinanderreihung einzelner Töne klingt.

Es gibt Phasen, in denen sich bei keinem dieser Punkte etwas bewegt, und andere, in denen plötzlich eine Bach Invention aus dem alten Heft doch noch unter den Fingern liegt, obwohl ich sie seit Ewigkeiten nicht gespielt habe – das alte Muskelgedächtnis meldet sich dann einfach zurück, und das flüssige Lesen der Noten fällt für ein paar Takte leichter als erwartet. Für den Wiedereinstieg mit mehr Selbstvertrauen ist aber keine einzige dieser Baustellen der erste Schritt.

Den eigenen Weg finden

Wer schon einmal eine Sportart diszipliniert trainiert hat oder im Job klare Deadlines braucht, kommt mit Rosemaries fester Stunde wahrscheinlich weiter: Bei ihr schafft Struktur Vertrauen, nicht Druck.

Andere, die sowieso kaum einen Tag wie den anderen haben, tun sich mit meinem Modell leichter – fünf Minuten hier, eine Passage im Kopf dort, nichts, was bei einem verpassten Tag gleich das ganze Vorhaben kippen lässt.

Neulich, auf dem Weg die Hohe Straße hinunter durch die Südvorstadt, kam eine Sprachnachricht von Irene an, meiner alten Schulfreundin, die mir fast nie schreibt, sondern immer nur spricht: eine Minute, in der sie einfach nur wissen wollte, ob die Finger schon besser gehorchen.

Ich habe ihr nicht beantwortet, ob Rosemaries Disziplin oder meine Fünf-Minuten-Häppchen am Ende die richtige Antwort sind, weil es die eine richtige Antwort wahrscheinlich gar nicht gibt. Am Sonntagabend, wenn ich das Heft zuklappe, liegt in meinen Händen nur eine ruhige Schwere, fast so, als wäre ich stundenlang draußen unterwegs gewesen und nicht nur zwanzig Minuten auf der Bank gesessen – und genau dieses Gefühl reicht inzwischen aus, um bald wieder anzufangen.

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